Ich wage die Prognose, dass er zur Winterpause eingestampft wird“, war sich Dieter Hecking zuletzt sicher, dass der Videobeweis das Saisonende nicht erleben wird. Der Trainer von Borussia Mönchengladbach ist nur ein Beispiel von Bundesliga-Funktionären, die die diesjährige Neuerung ablehnen. Christian Streich, Heiko Herrlich und Co. würden wohl nicht widersprechen.

Christian Blasch hat einen anderen Blickwinkel auf die Entwicklung im Fußball. Der 42-Jährige ist Deutschlands bester Hockeyschiedsrichter und hat die Einführung des Videobeweises 2012 bei den Olympischen Spielen in London direkt miterlebt. Er rät vor allem zu mehr Geduld, spart aber auch nicht mit Kritik.

Die Einführung war reaktionär

Grundsätzlich wirkt die Einführung überhastet, viele Dinge scheinen nicht durchdacht worden zu sein“, äußert sich Blasch gegenüber dem ‚Hamburger Abendblatt‘. Eine Einschätzung, der man zustimmen muss.

Denn der Eindruck, der in den vergangenen Wochen entstanden ist, bestätigt diese Einschätzung. Das gesamte System wirkt völlig unausgegoren und willkürlich. Die Entlassung von Projektleiter Hellmut Krug, der mutmaßlich mit seinen Alleingängen im Kölner Kontrollkeller Schalke 04 begünstigt hat, ist dabei nur die Kirsche auf der Torte.

Nach wie vor ist unklar, wie die Kompetenzen beim Videobeweis verteilt sind beziehungsweise wann ganz genau der Videoschiedsrichter eingreift. Teilweise werden Entscheidungen über Funk besprochen und gefällt, teilweise marschiert der Hauptschiedsrichter nach langer Diskussion zur Mittellinie und schaut sich die Szene selbst an. Untragbar, wie auch Blasch findet.

Reformen zwingend erforderlich

Damit verlängert man die Dauer erheblich und untergräbt zudem die Autorität des Videoschiedsrichters. Der Eindruck entsteht, dass sich die Kollegen im Fußball nicht über den Weg trauen, das ist fatal“, analysiert der Mülheimer.

Veränderungen des Systems sind zwingend erforderlich. Komplett abschreiben sollte man die generell sinnvolle Regeländerung aber nicht. Blasch rät zur Geduld: „Wir haben im Hockey auch zwei Jahre gebraucht, bis sich alles eingespielt hatte. Man muss sich herantasten an das, was sinnvoll ist. Er hat für mehr Gerechtigkeit gesorgt. Deshalb rate ich dem Fußball, diese Saison ehrlich und offen als Testphase zu nutzen und danach zu entscheiden, was man optimieren kann.

Beim Thema Anpassung des Videobeweises scheiden sich die Geister. Blasch schlägt vor, dass man das Prinzip aus dem Hockey übernimmt und den Teams selbst die Möglichkeit gibt, den Beweis anzufordern. Die jeweiligen Hockeymannschaften können dies so oft machen, solange sie Recht haben. Generell eignet sich der Hockeysport als Vergleichsmaßstab deutlich besser als beispielsweise American Football und somit die NFL, wo es per se zu häufigen Unterbrechungen kommt.

Reformen sind zwingend

Die Klarheit der Entscheidungen ist im Hockey aber deutlich stärker als im Fußball. Berührt der Ball den Fuß – egal ob ungewollt oder absichtlich – ist das zwangsläufige Resultat eine Strafecke. Im Fußball hingegen hat nicht jedes Handspiel im Strafraum einen Elfmeter zur Folge. Dementsprechend kann im Fußball auch ein Videoschiedsrichter mit mehreren Blickwinkeln nicht immer zweifelsfrei auf Elfmeter entscheiden.

Grundsätzlich ist der Videobeweis sinnvoll. Dass nach nur wenigen Monaten dessen Abschaffung gefordert wird, liegt wohl in der ur-deutschen Gesellschaftsräson begründet, Neuem ad hoc ablehnend zu begegnen. Die Neuerung muss jedoch dringend reformiert werden. Es muss komplett transparent sein, welche Entscheidungen überhaupt kontrolliert werden können. An dieser Stelle lohnt sich dann doch der Blick in die US-amerikanische NFL, in der einzelne Tatsachentscheidungen nicht angezweifelt werden können.

Im Fußball wäre denkbar, dass der Videoschiedsrichter bei Abseitsentscheidungen, vorsätzlichen Unsportlichkeiten wie Schwalben, Tätlichkeiten oder Fouls abseits des Balles zum Einsatz kommt. Und der Assistent dann auch bitte Kompetenzen bekommt, die Entscheidung zu treffen. Ob der Fußball schon so weit ist, dass die Videokontrolle von der Seitenlinie aus eingefordert werden kann, wagt zumindest dieser Autor zu bezweifeln.