Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat tiefe Einblicke in die schwierige Zusammenarbeit mit Pep Guardiola gewährt. In einer in der ‚Bild‘ erschienenen Vorabveröffentlichung von Passagen aus seinem neuen Buch ‚Mit den Händen sehen‘ heißt es: „Unter Pep Guardiola veränderte sich das Klima beim FC Bayern München, und es wurde mehr und mehr deutlich, dass er mir kein Vertrauen schenkte. Einerseits interessierte er sich absolut nicht für medizinische Fragen, verlangte aber andererseits von uns, Wunder zu vollbringen.“

Der Mannschaftsarzt des FC Bayern weiter: „Er sah mich offenbar in der Rolle eines Befehlsempfängers, über den er jederzeit verfügen konnte. Anfangs täuschte er sich wohl in mir und glaubte, es sei ein Leichtes, sich gegen mich durchzusetzen. Als er aber merkte, wie groß mein Rückhalt bei der Mannschaft und im Verein war, wurde er nur noch ungehaltener.“

Müller-Wohlfahrt verdeutlicht: „Guardiola wurde damals in den Medien gerne als innovativer, wenn nicht revolutionärer Trainer dargestellt. Beim FC Bayern München aber drehte er die Uhr gewaltig zurück. Es ging sogar so weit, dass er unser medizinisch durchdachtes, jahrelang bewährtes Vorbereitungsprogramm vor dem eigentlichen Fußballtraining auf den Kopf stellte.“

„Das konnte nicht gut gehen“

Die Folge: „Dann kam Pep Guardiola. Und gleich in der ersten Saison hatten wir weit, weit mehr Muskelverletzungen als in der so erfolgreichen Saison 2012/13 zuvor. Er wusste alles besser: Fünf Minuten Aufwärmen im Schnelldurchlauf, das musste reichen. Doch das konnte nicht gut gehen. Selbst meine Berichte über verletzte Spieler interessierten ihn nicht. Immer wenn ich mit ihm sprechen wollte, wandte er sich sofort ab und ging weg.“ Ganz anders sei dies mit den meisten von Guardiolas vielen Vorgängern gewesen. Seit 1977 behandelt Mull die Spieler des deutschen Rekordmeisters.

Zwangsläufig eskalierte das Verhältnis zu Guardiola. Müller-Wohlfahrt schildert: „Es sollte eine Aussprache werden – und es wurde ein Eklat. Ich habe völlig die Beherrschung verloren, Guardiola angeschrien und dann derart mit der Faust auf den Tisch gehauen, dass die Teller und Tassen nur so gescheppert haben. Zum ersten Mal in all den Jahren bin ich laut geworden. Ich konnte nicht begreifen, dass ein Trainer, der so viele Lebensjahre zählte wie ich Berufsjahre bei den Bayern, mir und meiner Erfahrung keinerlei Gehör schenkte.“

Daraus schlussfolgert der Arzt: „Ich halte Pep Guardiola für einen Menschen mit einem schwachen Selbstbewusstsein, der alles dafür tut, um andere darüber hinwegzutäuschen. Er scheint deshalb in ständiger Angst zu leben, nicht so sehr vor Niederlagen, sondern viel mehr vor dem Verlust von Macht und Autorität.“

Eskalation in Porto

Zum Tiefpunkt der Zusammenarbeit mit dem heutigen Coach von Manchester City wurde schließlich das Champions League-Achtelfinalhinspiel 2015 beim FC Porto. Die Bayern verloren nach enttäuschender Leistung mit 1:3. Müller-Wohlfahrt berichtet: „Während die Spieler schon auf den Liegen behandelt wurden, wurde ich vor versammelter Mannschaft lautstark angegriffen und für die vielen Verletzten verantwortlich gemacht. Ich sei schuld am körperlichen Zustand der Spieler und letztlich an der Niederlage. Es könne nicht sein, dass die Verletzungen bei uns sechs Wochen dauerten und in Spanien nur 14 Tage. Ich fühlte mich in meinem Ehrgefühl tief verletzt.“ Tags darauf trat der heute 75-Jährige als Mannschaftsarzt der Bayern zurück. Erst seit der Rückkehr von Jupp Heynckes gehört er wieder zum offiziellen Stab der Münchner.

In einem Gastbeitrag kommentiert auch Uli Hoeneß, der zum Zeitpunkt des großen Krachs eine Haftstrafe verbüßte, das Verhältnis zwischen Müller-Wohlfahrt und Guardiola. Der Bayern-Präsident: „Ich glaube, wäre ich damals nicht verhindert gewesen, hätte ich den Konflikt zwischen Mull und Pep moderieren können. Pep ist ein stolzer Katalane, und die spanischen Fußballtrainer haben ein ganz anderes Verhältnis zur medizinischen Abteilung der Klubs. Und Mull wiederum ist ein sehr stolzer Arzt, der nicht über seine erfolgreichen Behandlungsmethoden diskutieren möchte. Im Frühjahr 2015 sind also zwei Fronten unmittelbar aufeinandergetroffen. Es fehlte der Puffer, der ich immer war. Ähnliche Szenen wie nach dem 1:3 in Porto gab es doch früher auch nach verlorenen Spielen, und zwar häufiger, als man denken würde.“