Die Anzeichen, dass Lucien Favre zur neuen Saison das Traineramt bei Borussia Dortmund übernehmen wird, verdichten sich. Hans-Joachim Watzke sagt gegenüber ‚Sport1‘: „Wir wissen, wen wir wollen und wissen auch, wen wir bekommen. Und das nicht erst seit gestern.“

Konkret auf Favre angesprochen, meint der BVB-Boss: „Davon habe ich auch gelesen.“ Und schob vielsagend hinterher: „Wenn wir der Meinung sind, dass es die Öffentlichkeit auch wissen soll, dann werden wir das tun. Aber so weit sind wir noch nicht.“

Großes Interview mit Fanportal

Darüber hinaus bezieht Watzke in einem sehr unfangreichen Interview mit dem Fanportal ‚Schwatzgelb.de Stellung zu den brennendsten Fragen rund um den BVB. FT hat die wichtigsten Aussagen zu den Themen Favre, Kaderumbruch und Matthias Sammer zusammgetragen.

Hans-Joachim Watzke über …

…Favres Ausstiegsklausel: „Das müssen Sie Lucien Favre fragen, das kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls war es im letzten Sommer so, dass er keine schriftliche Ausstiegsklausel hatte. Jetzt aber darüber zu spekulieren, ob er dieses Jahr eine hat, fände ich wenig respektvoll gegenüber OGC Nizza. Das können nur die Beteiligten sagen. Die Dinge werden verkündet, wenn sie anstehen.“

… Neuzugänge: „Wir werden auch da etwas ändern. Ihr müsst jetzt Verständnis haben, dass ich keine Namen durchdekliniere, aber wir müssen im Bereich Mentalität, Führungsstärke und positiver Aggressivität zulegen. Idealerweise finden wir Spieler, die führen können und obendrein spielerische Qualität haben. Wir werden weiter den Weg mit hochbegabten Spielern gehen, aber wir benötigen definitiv zwei oder drei Führungsspieler, da haben wir Nachholbedarf. So wird die Transferpolitik in etwa aussehen, ohne jetzt Namen zu diskutieren. Spieler müssen bereit sein sich mit der Geschichte von Borussia Dortmund auseinanderzusetzen. Sie müssen sich nicht mal persönlich damit identifizieren. Wer aber nicht erkennen will, dass unser Verein etwas Besonderes ist, den dürfen wir im Idealfall nicht holen. Wer dazu bereit ist, dem müssen wir Borussia Dortmund näherbringen.“

… die Mannschaftszusammenstellung: „Wir haben unter dem Einfluss der vorherigen Trainer das Augenmerk zu stark auf das spielerische Element der Mannschaft gelegt und zu wenig auf die anderen Dinge. Im Zweifel haben wir immer versucht, den technisch besten Spieler zu holen, aber nicht den mit der besten Mentalität oder Führungsstärke. Das ist einfach so, der Kader ist am Ende des Tages mehr auf Fußballspielen zugeschnitten worden und die anderen Dinge haben wir ein bisschen vernachlässigt – was ich aber nicht als Vorwurf an Michael Zorc und das Scouting verstanden wissen möchte. Es ist immer ein Zusammenspiel mit dem Trainer. Wenn man Trainer hat, die nicht so großen Wert auf diese Eigenschaften legen und zum Beispiel einen Mentalitätsspieler wie Sven Bender für absolut verzichtbar halten, dann muss man ihnen auch Entscheidungsbefugnisse zugestehen. Vielleicht hätten wir uns hier und da aber stärker durchsetzen sollen.“

… den anstehenden Umbruch: „Er wird sicher mehr als zwei bis drei Positionen betreffen, das ist klar. Wir können uns jetzt aber nicht limitieren und auf eine konkrete Zahl festlegen. Wir haben relativ klare Vorstellungen davon, was wir wollen. Ganz wichtig: Wir werden Verträge akzeptieren, es wird hier niemand weggemobbt. Es wird keine Trainingsgruppe II geben. Jeder Spieler bekommt von uns eine ehrliche Einschätzung und eine klare Aussage, wie die Chancen stehen, wer ins Konzept passt und wer es schwer haben wird, Teil des Kaders zu sein. Natürlich auch in Rücksprache mit dem neuen Trainer. Ich glaube, dass wir in allen Mannschaftsteilen Handlungsbedarf haben.“

… Marcel Schmelzer: „Marcel Schmelzer hat bei uns, auf Basis dessen, was er hier geleistet hat, einen deutlich größeren Kreditrahmen als andere Spieler. Er hat Meisterschaften gewonnen und war im Champions-League-Finale – immer als Stammspieler. Bei aller Liebe, da wissen wir schon, was wir an Marcel Schmelzer haben.“

… die Sammer-Verpflichtung: „Uns war es ein Anliegen, von außen eine gewisse zusätzliche Kompetenz dazuzuholen. Matthias hat seine Qualität schon vielfach nachgewiesen. Er hat seine erfolgreichste Zeit als Spieler und Trainer bei Borussia Dortmund erlebt. Ich glaube, er reaktiviert gerade ein bisschen seine BVB-Vergangenheit. Matthias hat von außen noch einen schärferen Blick auf das, was man von innen teilweise nicht so gut sieht.“

… Michael Zorcs Rolle: „Entscheiden wird im sportlichen Bereich in letzter Konsequenz Michael Zorc, so wie vorher auch. Die Aufgabe von Matthias und Sebastian bei Transfers ist es, Input zu liefern und ihre Positionen im Zweifel argumentativ durchzusetzen – am Ende entscheidet aber Michael Zorc.“

… Peter Stöger: „Es gab zwischendurch auch die Überlegung, dass es weitergehen kann. Wir hatten Phasen, in denen es gut aussah. Warum sollten wir uns selbst beschränken, indem wir vorher sagen, dass es ausgeschlossen ist, dass er bleibt, selbst wenn er die Europa League gewinnt oder Zweiter wird? Wir alle wollten uns das anschauen und das erst einmal begrenzen, aber wir haben nie gesagt, dass definitiv Schluss ist. Peter Stöger kam nach dem Bayern-Spiel zu uns und hat uns gesagt, es sei seine Tendenz, am 30.06. aufzuhören. Ich glaube nach dem Derby hat er uns endgültig mitgeteilt, dass er wirklich nach dem Sommer nicht weitermachen will. Das war grundsätzlich richtig und wurde von uns ähnlich gesehen. Wir haben aber wegen der „Lame duck"-Problematik gesagt, dass wir das in dieser fragilen Saison nicht öffentlich machen.“

… Peter Bosz: „Es ist offensichtlich, dass wir bei der Trainerentscheidung im Sommer nicht richtig gelegen haben. Wenn wir den Trainer im Dezember wechseln mussten, weil wir vorher in acht Spielen drei Punkte geholt haben, dazu noch zwei Unentschieden gegen Nikosia, ist das eine dramatische Situation. Unser Fehler liegt natürlich im Sommer. Peter Bosz ist ein sehr guter Trainer und ein außergewöhnlich guter Mensch, aber manchmal passt es eben nicht.“