Mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft machte Carlo Ancelotti das Quintuple perfekt. In den fünf größten Ligen Europas holte Fürst Charming den Meistertitel. Zudem triumphierte der schier seit Dekaden ergraute Signore dreimal in der Champions League. Einer der größten Trainer aller Zeiten.

Der Erfolg ist vor allem im Umgang mit seinen Stars begründet. Etliche Größen der Fußballwelt trainierte der Gentleman aus Emilia-Romagna. Von Andrea Pirlo über Didier Drogba, Zlatan Ibrahimovic und Cristiano Ronaldo bis hin zu Manuel Neuer – Don Carlo hat sie alle gehabt. Bei den größten Mannschaften ihrer Zeit.

Und keiner dieser Superstars verlor je ein schlechtes Wort über den italienischen Altmeister, der Kaugummis mit solch großer Leidenschaft malträtiert. Das wiederum liegt insbesondere daran, dass sie unter dem 57-Jährigen – der locker auch als Rentner durchgehen würde – in aller Regel spielen durften.

Das Faible für fertige Spieler

Ancelotti kann gut mit Stars – egal welchen Alters. Das stellt er in dieser Saison auch beim FC Bayern unter Beweis. Ob Arjen Robben, Franck Ribéry, Xabi Alonso oder Philipp Lahm. Sie lieben ihn und er liebt sie. Leidtragende sind wiederum nicht selten junge, aufstrebende Talente.

Don Carlo setzt mit größter Vorliebe auf fertige Spieler, die den Feinschliff nicht mehr nötig haben. Hier weiß der Italiener, wie er das Optimum aus ihnen herauskitzelt. Das ist das offene Geheimnis seines Erfolgs.

Gegen Leipzig war die Bayern-Elf im Schnitt 29,4 Jahre alt. So erfahren war der Rekordmeister das letzte Mal vor mehr als zehn Jahren, im Mai 2006. Das erinnert mehr an italienische Schule als an das Topteam der Zukunft, als das sich der FC Bayern nach zahlreichen Vertragsverlängerungen öffentlich wähnte.

Die Kehrseite des Könners

Und so hat Ancelottis ausgewiesenes Händchen für Stars und Erfolg auch seine Kehrseite. Denn der altmodische Coach sammelt zwar zahlreiche Titel, vermag es aber nicht, ein Team perspektivisch weiterzuentwickeln.

Blickt man zurück in seine Vergangenheit – zu Milan, Chelsea, Real oder PSG – waren es immer die Stars, die fertigen Spieler, die sich für die zahlreichen Triumphe verantwortlich zeigten. Einzige Ausnahme ist Marco Verratti, der 2012 von Delfino Pescara nach Paris kam, und unter Ancelotti schon in seiner Premierensaison den großen Durchbruch schaffte.

Was wird aus Bayerns Zukunft?

So schöpft der Lehrmeister zwar das Maximum ab, jedoch nur kurz-, maximal mittelfristig. Ancelotti entwickelt Teams so zurück. Belegen lässt sich die These anhand von vier aktuellen Personalien der Münchner: Douglas Costa, Kingsley Coman, Joshua Kimmich und Renato Sanches.

Vergangene Saison, unter Pep Guardiola, wurden Costa und Coman schon als die zukünftige Flügelzange der Bayern gefeiert. Die Antwort auf Robbery schien gefunden, die Altstars abgelöst. Niemand musste sich mehr Sorgen machen.

Ebenso bei Kimmich, der unter Guardiola den Sprung zur Nationalmannschaft packte und als eines der größten deutschen Talente überhaupt gehandelt wurde. Unter Ancelotti ist der 22-jährige Defensivallrounder Mitläufer – allenfalls.

Müssen die Talente den Stars weichen?

Die Gerüchte um seine Abschiedswünsche kommen nicht von ungefähr, auch wenn die Bayern-Chefetage größte Sorgfalt darauf legt, dies zu dementieren – notfalls auf juristischem Wege. Kaum vorstellbar, dass es ein solches Szenario unter Guardiola gegeben hätte. Ebenso wenig, dass Supertalent Sanches unter dem Katalanen außen vor gewesen wäre, auch wenn es sich schwerlich beweisen lässt.

Dieses Trio – Coman, Costa, Kimmich – würde die Zukunft des Vereins entscheidend mitprägen, sie bestimmen – so wurde angenommen. Heute, eine Saison später, werden alle drei als potenzielle Kandidaten für einen Wechsel gehandelt.

Sie sollen, so wird berichtet, Platz machen für weitere Stars wie Alexis Sánchez, Kyle Walker oder Carlos alten Lehrling, Marco Verratti, die den kurzfristigen Erfolg garantieren.

Was will der FC Bayern?

Ein Vabanquespiel, das die Macher an der Säbener Straße betreiben. Dieses könnte zum Gewinn des Champions League-Titels führen, nach dem Fans und Verein so sehr lechzen. Eine Schuld des Italieners am diesjährigen Ausscheiden ist allerdings auch nicht von der Hand zu weisen.

Andererseits wirft Ancelottis Stil die Entwicklung des Kaders perspektivisch betrachtet um mindestens eine Saison zurück – Mosaiksteine der Zukunft kokettieren mit dem Abschied. Insofern muss abschließend die Frage erlaubt sein: Ist der große Carlo Ancelotti wirklich das, was der FC Bayern will?