Falls das erste Testspiel eines neuen Trainers als Indikator für seinen weiteren sportlichen Erfolg gewertet werden kann, darf sich die Sportliche Leitung von Bayer Leverkusen getrost auf die Schulter klopfen. Mit 4:0 fertigte die erstmals von Peter Bosz angeleitete Werkself Twente Enschede ab.

Die Handschrift des neuen Übungsleiters war sogleich zu erkennen. Sein bereits aus Zeiten bei Borussia Dortmund bekanntes 4-3-3 will er auch in Leverkusen implementieren und gewohnt offensiv interpretieren. Bosz ließ gewohnt hoch pressen und teils mit Julian Brandt und Kai Havertz zwei Halbstürmer auf den Achter-Positionen spielen.

Niederländisches Offensivspektakel

Ein Händchen im Umgang mit jungen Spielern und ein Spielsystem, das begeistern kann, waren ein Hauptgrund für die Entscheidung von Bayer pro Bosz. Vor allem die Attraktivität des Spiels der Werkself ließ in dieser Saison bisher zu wünschen übrig. Der Mannschaft schien ein konstantes Konzept zu fehlen, Siege waren nur selten souverän.

Unter Bosz soll die Werkself das schöne Spiel wiederentdecken. Lieber 5:4 als 1:0 gewinnen, heißt die Devise. Nicht umsonst betonte die Sportliche Leitung um Rudi Völler und Simon Rolfes auf der Antrittspressekonferenz von Bosz, dass man sich vom neuen Trainer attraktiven Fußball erhofft. Nur um das Publikum zu begeistern, hat die Führung diese Marschroute jedoch nicht ausgegeben.

Stagnierende Talente

Bayer ist ein Klub, der sich dadurch definiert, talentierte Spieler auf das nächste Level zu heben und teuer zu verkaufen. In der vergangenen Saison schien man auf dem besten Weg, mit dieser Philosophie in neue Sphären vorzustoßen. Julian Brandt, an dem der FC Bayern Interesse zeigte, galt als eines der größten deutschen Juwele überhaupt, Leon Bailey als kommender 100-Millionen-Transfer.

Mittlerweile ist es still um das Duo geworden. Einzig die Entwicklung von Kai Havertz verläuft in Leverkusen derzeit nach Plan. Schlecht für Leverkusen: Mit schrumpfender Aufmerksamkeit sinkt auch der Marktwert der Spieler und mit dem Marktwert die auf dem Transfermarkt zu generierende Ablöse.

Der Bosz-Auftrag

Diese einfache Formel ist auch Herrlich zum Verhängnis geworden. Der 47-Jährige hatte es nicht mehr geschafft, die zahlreichen Bayer-Talente konstant weiterzuentwickeln. An dieser Stelle kommt Bosz ins Spiel. Der Niederländer muss das unbestritten große Potenzial der Werkself-Offensive ausschöpfen – nicht nur im sportlichen Sinne, sondern auch im wirtschaftlichen. Das 4:0 gegen Enschede ist zumindest ein vielversprechender Start.