Zu wissen, dass man nur die dritte Wahl war, ist selten schön. Zu wissen, dass auch alle anderen es wissen, macht die Sache nicht besser. Es ist also zu erahnen, wie sich Heiko Herrlich gefühlt haben muss, als Rudi Völler bei seiner Antrittspressekonferenz im Sommer verkündete: „Es gab zwei Trainer, an denen wir sehr, sehr großes Interesse hatten. Wir haben das nicht hinbekommen aus verschiedenen Gründen.“

Einer der Übungsleiter, die Völler eigentlich bei Bayer Leverkusen sehen wollte, war Peter Bosz. Der damalige Trainer von Ajax Amsterdam sah sich jedoch bereit für den großen Wurf, sagte den Rheinländern ab und heuerte bei Borussia Dortmund an. Nun lag es mit Herrlich also an einem Drittligatrainer, den Trümmerhaufen zu beseitigen, den die Fast-Abstiegssaison unter Roger Schmidt und Tayfun Korkut bei der Werkself hinterlassen hatte.

Eine undankbare Aufgabe, die nur wenige Herrlich zutrauten. Die ersten Spieltage schienen den Skeptikern rechtzugeben. Nur vier Punkte holte ein immer noch sichtlich verunsichertes Bayer aus den ersten fünf Bundesligapartien. Zeitgleich fuhr der Bosz-BVB den besten Saisonstart der Klubgeschichte ein. Zweieinhalb Monate später ist Bosz entlassen und Herrlich seit zehn Spieltagen ungeschlagen. FT nennt Gründe für den Erfolg des Trainers.

1. Flexibilität

In der Ära Roger Schmidt hat Bayer am eigenen Leib erfahren, welche Folgen das sture Festhalten an einem einzelnen Spielsystem haben kann. Sobald der Gegner die Taktik der Werkself entschlüsselt hatte, tat sich Bayer schwer. Es fehlte der Plan B. Unter Herrlich hat Bayer die taktische Flexibilität wiederentdeckt.

Der 46-Jährige ließ bereits mit Vierer- und mit Dreierkette, mit einem oder zwei Stürmern spielen. Für die Gegner ist die Werkself somit kaum ausrechenbar. Gleichzeitig ist Herrlichs Handschrift stets zu erkennen, egal in welcher Formation das Team aufläuft. Bayer zeigt sich vor allem im Offensivspiel stark verbessert. 29 erzielte Tore sind der derzeit drittbeste Wert der Liga.

2. Fehleranalyse

Im Laufe nur weniger Monate hat es Herrlich geschafft, sukzessiv die Fehler im Spieler seiner Mannschaft zu beseitigen. Aus einer vor dem Tor ineffizienten Mannschaft, die defensiv immer wieder für haarsträubende Patzer gut war, ist ein gefestigtes Kollektiv geworden, das Führungen über die Zeit retten und auch dreckige Siege einfahren kann. Standardsituationen, seit Jahren Erzfeind eines jeden Bayer-Spielers, sind mittlerweile eine Stärke des Teams.

Auch während des Spiels scheut sich Herrlich nicht, taktisch nachzubessern. In der Begegnung gegen den VfB Stuttgart am vergangenen Spieltag (2:0) war es seine Umstellung von Dreier- auf Viererkette nach 60 Minuten, die die taumelnden Leverkusener stabilisierte. Danach gab Bayer das Spiel nicht mehr aus der Hand.

3. Mut

Herrlich scheut sich nicht, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Trotz aller Kritik hielt er an Kevin Volland fest. Nun ist der 25-Jährige der beste deutsche Torschütze der Bundesliga. Karim Bellarabi verbannte er auf die Bank und formte Leon Bailey zum derzeit wohl besten Spieler des Teams. Dem langjährigen Dauerbrenner Stefan Kießling oder aber Millionen-Einkauf Lucas Alario bleibt da oft nur die Bank.