Laut Horst Hrubesch diskutieren die Leute „einfach gerne rund um die Nationalelf.“ Doch inwieweit hat er mit seiner Einschätzung recht und welche Alternativen bieten sich in den nächsten Jahren für Joachim Löw? „Die sind schon da, sie brauchen nur noch etwas Spielpraxis, und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, ehe sie Löw einlädt“, findet Hrubesch. FT stellt eine Auswahl von Stürmen vor, die den Sprung in die Bundesliga geschafft haben sowie talentierte Perspektivspieler – allesamt ausgestattet mit Erfahrungen in deutschen U-Nationalteams:

Davie Selke (21/RB Leipzig)

Im Sommer 2015 wagte Selke den Schritt zum damals ambitionierten Zweitligisten RB Leipzig. In Bremen hatte der 21-Jährige zuvor schon einige Erstliga-Erfahrung gesammelt. In Leipzig kam weitere wichtige Wettkampfpraxis in der Zweitligasaison 2015/16 hinzu, in der er vor allem physisch gefordert wurde. Die Konkurrenz in Leipzig war auch im Zweitligakader sehr groß, weshalb zwölf Tore in 32 Einsätzen eine gute Quote sind. Die Offensivkraft der Leipziger wurde im Sommer nochmals erhöht, worunter bisher die Einsatzzeiten von Selke leiden. Doch Selkes Olympia-Teilnahme von Rio und die dadurch verkürzte Vorbereitungszeit in Leipzig sorgten dafür, dass die Verantwortlichen um Trainer Ralf Hasenhüttl und Sportvorstand Ralf Rangnick einen behutsamen Umgang mit ihrem Talent pflegen. Leipzig stellt für Selke ein gutes Umfeld dar, in dem er weiter regelmäßig Bundesliga-Erfahrung sammeln und in einem qualitativ hochwertigen Kader sein Spiel weiterentwickeln kann. Seine Körpergröße und Spielart machen ihn zum aussichtsreichsten Kandidaten für die klassische Neun in Löws Spielsystemen mit einer zentralen Spitze.

Maximilian Philipp (22/SC Freiburg)

Der SC Freiburg legte mit neun Punkten nach sechs Spieltagen einen guten Bundesligastart hin. Erheblichen Anteil an der zufriedenstellenden sportlichen Situation hat Philipp bislang mit drei Treffern. Eine Torvorlage im DFB-Pokalspiel beim SV Babelsberg 03 rundet seine gute Form ab. Philipp, der in Berlin geboren ist und über die Stationen Hertha BSC Berlin, TeBe Berlin und Energie Cottbus im Breisgau landete, ist seit Juli 2014 fest im Profikader des SCF. Im DFB-Juniorendress kann Philipp fünf Einsätze vorweisen. Sollte Philipp seine aktuelle Form konservieren können und weiter konstant auf Bundesliga-Niveau Spielzeit bekommen, könnte er für Löw auf lange Sicht eine interessante Option werden. Ein klassischer Neuner ist der schnelle Offensivmann allerdings nicht.

Timo Werner (20/RB Leipzig)

Werner bestreitet trotz seines jungen Alters schon seine vierte Profi-Saison. Nach drei Jahren in Stuttgart wechselte Werner im Sommer zum finanzstarken Aufsteiger, bei dem er bisher in allen sieben Pflichtspielen zum Einsatz kam und drei Tore sowie eine Torvorlage vorweisen kann. Werner kann auf insgesamt schon 101 Bundesligaspiele Erfahrung blicken. Diese Zahl belegt, dass er sich trotz seiner kleinen Statur früh im Profifußball etabliert hat. Internationale Erfahrung im Verein scheint angesichts der hochgesteckten Ziele von RBL eine Frage der Zeit. Spätestens nach einer guten, konstanten Saison in Leipzig wird Werner für Löw eine interessante Alternative zu Mario Götze. Einen klassischen Gomez-Ersatz stellt Werner aufgrund seiner großen Unterschiede in Spielart und seines Körperbaus ebenso wie Philipp jedoch nicht dar.

Perspektivspieler aus der DFB-Jugend

Johannes Eggestein (18/SV Werder Bremen)

Auf Johannes Eggestein halten sie beim SV Werder Bremen große Stücke. Der 18-Jährige ist im Sommer in den Profikader der Bremer aufgerückt. In der Vorbereitung waren viele voll des Lobes. Das für ihn Bedeutendste sprach wohl der Bundesliga-Rekordtorschütze Claudio Pizarro im ‚kicker‘ aus: „Jo ist ein guter Junge, er hat enorme Qualität, ist vor allem beidfüßig und stark im Abschluss.“ Ein Lob von höchster Stelle, dem Eggestein gerne Taten in den Pflichtspieleinsätzen folgen lassen würde. Sein bisher einziger Einsatz datiert jedoch aus der bitteren DFB-Pokalniederlage gegen die Sportfreunde Lotte. Bremen wird dem Angreifer die nötige Zeit geben, im Profigeschäft Fuß zu fassen. Die erforderliche Physis wird ein Schwerpunkt der täglichen Arbeit in den nächsten Monaten sein. Geschäftsführer für den Bereich Sport Frank Baumann stellte im Sommertrainingslager klar: „Wir sind sehr zufrieden mit ihm". Das Ausnahmetalent wurde im Sommer von vielen Vereinen aus dem In- und Ausland umworben, entschied sich aber für eine Zukunft in Bremen, das ihm das Umfeld bieten kann, um mittelfristig den Sprung in die Bundesliga zu schaffen. In den U-Nationalmannschaften machte Eggestein mit 24 Treffern in 38 Spielen auf sich aufmerksam. Eine erfreuliche Konstanz in Sachen Abschluss, die in Zukunft auch der A-Nationalmannschaft zuteil werden könnte.

Emmanuel Iyoha (18/Fortuna Düsseldorf)

Emmanuel Iyoha ist ebenfalls einer der Perspektivspieler, die in Zukunft bei Löw das Sturmzentrum bekleiden könnten. Seine bullige Statur mit einer Körpergröße von 1,91 Meter ist prädestiniert für die Neun. Einen schnellen Einstieg in den Profifußball ermöglicht ihm dieser Umstand allemal. Bisher kam Iyoha für Fortuna Düsseldorf siebenmal zum Einsatz. Der Deutsch-Nigerianer wurde in Düsseldorf geboren und spielte in seiner Jugend zunächst für die Leverkusener Vereine BV 04 und Bayer 04. Iyoha ist in der Offensive variabel einsetzbar und kann nahezu alle Positionen bekleiden. Im Sommer sagte er: „Außen kann ich mit meiner Schnelligkeit und meiner Fähigkeit zum Dribbling den Gegner beschäftigen, wobei es mir auf der linken Seite besser als rechts passt, weil ich dann nach innen ziehen kann. Als hängende oder vordere Spitze kann ich vielleicht ein paar Überraschungsmomente ausspielen und mit meiner Größe für Gefahr bei Kopfballsituationen sorgen.“ Diese Beschreibung klingt ganz nach Löws Anforderungsprofil. Bislang kam Iyoha in der U19- und U20-Nationalmannschaft insgesamt achtmal zum Einsatz. Wenn Iyoha in Düsseldorf weiterhin konstant Spielpraxis bekommt und den erhofften Leistungsschub macht, der ihm zuzutrauen ist, könnte auch er ein Kandidat für die A-Nationalmannschaft werden.

Janni-Luca Serra (18/Borussia Dortmund U19)

Janni-Luca Serra ist wie Iyoha ein körperlich weit entwickelter Spieler. Seine überragende Quote von 40 Toren und 26 Torvorlagen in 64 Pflichtspielen für die U17 und U19 von Borussia Dortmund spricht eine deutliche Sprache. Dem Talent traut man in Dortmund den Sprung ins Profi-Team zu. Allerdings ist die Konkurrenzsituation im BVB-Sturmzentrum sehr groß. Größer als für seine beiden ehemaligen Mitspieler Christian Pulisic und Felix Passlack, die mit Serra gemeinsam drei Meisterschaften in Folge mit dem Nachwuchs gewinnen konnten. Serra, der ursprünglich als Verteidiger und Mittelfeldspieler zum Einsatz kam, wurde beim BVB umfunktioniert. Eine richtige Entscheidung wie es bisher scheint. Aktuell fehlt er jedoch aufgrund eines Kreuzbandrisses, den er sich bei der U19-Europameisterschaft in diesem Jahr zuzog. Sollte sich Serra von dieser Verletzung erholen und an die zuvor gezeigten Leistungen anknüpfen können, ist ihm der Sprung in den Profikader bei Borussia Dortmund zuzutrauen. Das Training mit gestandenen Bundesligaprofis dürfte Serra anschließend auf das Niveau heben, mit dem er zumindest mittelfristig ein Kandidat für wichtige Einsatzminuten unter Trainer Thomas Tuchel darstellen kann.

Christian Stark (18/Hamburger SV U19)

Eine wahre Leistungsexplosion zeigte Christian Stark im Trikot der U19 des Hamburger SV. Bislang gelangen ihm in den sieben Einsätzen neun Treffer. Insgesamt kann er in 43 Spielen für die U17 und U19 des HSV stolze 28 Treffer und acht Vorlagen vorweisen. Eine Entwicklung, die ihm vor wenigen Tagen seine ersten beiden U-Länderspiele in der U19 bescherte. Der Youngster könnte sich mit konstant guten Leistungen mittelfristig für das Profi-Team des HSV empfehlen. Die Entwicklung von Christian Stark werden neben dem HSV- auch die DFB-Verantwortlichen mit Sicherheit weiter genau beobachten. Vielleicht stürmt bald wieder ein Hamburger Angreifer für die Elf von Jogi Löw. Im Sinne der Hamburger Legende Horst Hrubesch wäre dies allemal.