Es läuft einem ein Schauer über den Rücken beim Gedanken daran, wie Borussia Dortmund vor nur einem Jahr noch aufgetreten ist. Im Achtelfinale der Champions League wurde Benfica Lissabon im Rückspiel geradezu deklassiert (4:0). Und wäre vor dem Hinspiel gegen die AS Monaco nicht die Singularität des Bombenanschlags gewesen, wer weiß, wie weit die Reise in der Königsklasse noch gegangen wäre.

Nach nur einem Jahr ist der heutige BVB von dem damaligen Lichtjahre entfernt. Die blutleeren Auftritte gegen Salzburg kommen einem Offenbarungseid gleich. Die einst spielfreudige Offensive ist ein Schatten ihrer selbst. Generell wirkt die Borussia offensivtaktisch völlig plan- und ideenlos. Durch das zwar vorzüglich vorgetragene, aber dennoch simple und vor allem bekannte Pressing der Österreicher wurde der deutsche Pokalsieger völlig überrumpelt, wirkte gänzlich überfordert und hatte keinerlei Mittel. Es wird immer deutlicher: Der Rauswurf von Thomas Tuchel war ein fataler Fehler.

Hätte Tuchel doch mit Aki das Bierchen getrunken

Nach dem Sieg im DFB-Pokal hatte der BVB keine sportlichen Gründe, Tuchel zu entlassen. Hans-Joachim Watzke setzte sich aber durch. Die Gründe waren ausschließlich zwischenmenschlicher Natur. Wahrscheinlich sehnte sich der BVB-Chef nach den unter Jürgen Klopp liebgewonnenen Bier- und Skat-Abenden. Auf persönlicher Ebene wurden die beiden Alphatiere nie miteinander warm.

Natürlich revoltierten am Ende auch die Spieler gegen den Cheftrainer. Dass Tuchel ein schwieriger Charakter ist, ist hinreichend bekannt. Die Ausbootung von Nuri Sahin im DFB-Pokalfinale war nicht nur für Marcel Schmelzer unverständlich. Aber beim wichtigsten Punkt, dem Fußballerischen, war Tuchel über jeden Zweifel erhaben.

Die taktischen Vorgaben des deutschen Guardiolas waren nicht zu übersehen. Man hatte das Gefühl, dass Dortmund in jedem Spiel fünf Tore schießen kann. Immer hatten die Schwarz-Gelben eine Antwort auf die Fragen, die die Gegner stellten. Sei es mit einer Dreier- oder Viererkette, halbseitige Verdichtungen und blitzschnelle Flankenwechsel in den freien Raum oder dynamischen Kombinationsfußball durch die Mitte. Und wirkte der BVB doch mal in der ersten Hälfte vom Gegner überrascht, war sich jeder sicher, dass Tuchel in der Halbzeit an den richtigen Stellschrauben drehen würde.

Watzke hätte sich hinter Tuchel stellen müssen

Dass sich am Ende zudem die Spieler gegen Tuchel stellten, ist auch zurückzuführen auf das schwierige Verhältnis von Watzke und dem Trainer. Hätte sich der 58-Jährige vollends hinter Tuchel gestellt und jegliche aufkommenden Zweifel im Keim erstickt, hätten sich auch die Spieler nicht getraut, in dieser Form auf die Barrikaden zu gehen.

Stattdessen zählte Watzke den Übungsleiter an und machte am Ende keinen Hehl mehr daraus, dass dieser seinen Platz räumen muss. Eine Entscheidung, die man aufgrund der Spannungen natürlich treffen kann. Man sollte dann aber auch den passenden Mann in der Hinterhand haben. Stattdessen holte man Peter Bosz, der nach wenigen Wochen, als die Bundesliga sein undurchdachtes taktisches Konzept durchschaut hatte, er aber keine Alternativen parat hatte, völlig überfordert war.

Peter Stöger, bei dem schon die halbjährige Vertragslaufzeit offenbart, dass man nicht restlos überzeugt war, symbolisiert fußballerisch das krasse Gegenteil. Der biedere Defensivtrainer stabilisierte die Abwehr, der Offensive scheint der Österreicher aber keine gewinnbringenden Vorgaben an die Hand zu geben. Nach nur einem Jahr wurde aus einer taktisch brillant funktionierenden Mannschaft ein verunsicherter und harmloser Haufen, der gegen eine Pressing-Mannschaft wie Salzburg überhaupt keine Mittel hat.

Weiß Marco Reus schon mehr?

Die Frage ist, was ab dem Sommer passieren wird? Den rein spieltaktisch besten deutschen Trainer hat der BVB im vergangenen Jahr verbrannt. Wer könnte jetzt folgen und den so liebgewonnenen Angriffsfußball in den Signal Iduna Park zurückbringen?

Es ist kaum vorstellbar, dass Watzke und Zorc Leistungsträger Marco Reus ohne gute Ideen von der vorzeitigen Vertragsverlängerung überzeugen konnten. Aktuell werden mit Julian Nagelsmann und Lucien Favre zwei Trainer gehandelt, die ein klares Konzept verkörpern und taktisch über alle Mittel verfügen. Einfache Charaktere sind aber beide mitnichten.

Nagelsmann wirkt wie eine jüngere Kopie von Tuchel. Vielleicht etwas weniger verbissen, vielleicht mit einer höheren Kompromissbereitschaft. Aber eben auch noch nicht so lange dabei im Fußballgeschäft. Dass Favre nicht der umgänglichste ist, hat er sowohl bei Hertha BSC als auch bei Borussia Mönchengladbach gezeigt. Am Niederrhein packte er auf eigene Faust die Koffer, obwohl ihn Max Eberl trotz der sportlichen Talfahrt halten wollte. Welche Qualitäten er als Fußballtrainer hat, beweist er gerade bei OGC Nizza, das er aus der französischen Bedeutungslosigkeit in der vergangenen Saison auf Platz drei hinter Paris St. Germain und AS Monaco geführt hatte.

Wer wird der verspätete Klopp-Erbe?

Als Dortmund-Fan hatte man immer die besorgniserregende Frage im Hinterkopf, wer eines Tages an Kloppos Stelle treten könnte. Tuchel war sportlich die absolut richtige Antwort. Das in Dortmund so essenzielle Menschliche hat aber gefehlt. Nun sucht man erneut nach einer Symbiose aus Klopp und Tuchel. Stöger hat vor allem das Klopp-Gen, von Tuchel hat er aber augenscheinlich wenig. Dass der Österreicher bleiben darf, ist spätestens nach dem Salzburger Mentalitäts-Fiasko fast undenkbar. Ob Nagelsmann, Favre, Ralph Hasenhüttl, Niko Kovac oder ein anderer alles mitbringt, um die komplizierte Herausforderung an der Strobelallee zu bewältigen, bleibt abzuwarten.