Der Transfermarkt 2019 hätte für den FC Bayern wie ein einfacher Elfmeter sein können. Schließlich sind sie der größte Verein in Deutschland, haben mit Abstand das meiste Geld und konnten sich ein Jahr lang auf den sommerlichen Kaderumbruch vorbereiten. Anstatt den Ball auf den Punkt zu legen und die Kugel kompromisslos ins Netz zu schweißen, liefen die Münchner an, stolperten, rissen sich das Kreuzband an und schossen den Ball dann ungelenk mit der Pike aufs Tor.

Egal ob der Ball nun drin ist oder nicht, die Leute werden sich nicht wegen des Resultats an den Elfmeter erinnern, sondern weil man gestolpert ist und sich kurz vor der Ausführung verletzt hat. Genau das ist dem FC Bayern im übertragenden Sinn passiert und Ivan Perisic ist der Leidtragende.

Schon bevor der Transfer des Kroaten von Inter Mailand überhaupt eingetütet war, wurde Perisic schon zerrissen. Niko Kovac war das ein Dorn im Auge. „Man macht hier einen Spieler schlecht. Jeder Spieler hat den gleichen Respekt verdient. Man kann nicht über eine B-, C- oder X-Lösung sprechen. Da müssen wir uns alle mal hinterfragen“, sagte der Trainer im Rahmen des DFB-Pokal-Spiels gegen Energie Cottbus (3:1).

Bayern setzten sich selbst unter Druck

Dabei ist der FC Bayern selbst Schuld, dass die Verpflichtung des 30-Jährigen so kritisch beäugt wird. Nach dem, was in den vergangenen Monaten an der Säbener Straße passiert war, ist Perisic eben nicht einfach nur ein Transfer. Er ist „wenn sie wüssten, was wir schon alles sicher haben.“ Er ist „bis Ende Juli musst du fertig sein“. Vor allem aber ist er die Leroy Sané-Alternative.

Dass die Bayern den Transferpoker um den Nationalspieler von Manchester City mit offensiven Aussagen, gefolgt von Maulkörben für die eigenen Verantwortlichen (an die sich nur halbherzig gehalten wurde) zur Posse verkommen ließen, holt sie nun ein. Nur logisch, dass Perisic an dem Beinahe-Transfer von Sané gemessen wird. Fair ist das aber nicht.

Transfer ohne Risiko

Denn wenn man die Verpflichtung des Kroaten nüchtern und losgelöst von den bayrischen Transfer-Peinlichkeiten der vergangenen Wochen sieht, muss man die Bayern eigentlich loben. Für eine geringe Leihgebühr erhält man einen gestandenen Spieler, der noch vor einem Jahr als Leistungsträger Vize-Weltmeister geworden ist. Zudem gibt es keine Kaufpflicht, sondern nur eine Option. Das Risiko ist somit minimal, der Mehrwert aber garantiert – und sei es als erste Alternative von der Bank.

Natürlich ist das Ende der Fahnenstange auf dem Transfermarkt damit noch nicht erreicht. Das wäre sie aber nur mit einer Sané-Verpflichtung ebenfalls nicht. Schließlich wäre der Bayern-Kader auch in dem Fall zu dünn besetzt. Fraglich ist, warum die Bayern den Perisic-Deal nicht schon früher eingetütet haben.

Guter Transfer, falscher Zeitpunkt

Hätte der 30-Jährige schon Anfang Juli an der Säbener Straße zu denselben Konditionen auf der Matte gestanden, wäre wohl kaum ein kritisches Wort lautgeworden. Perisic wäre als risikoarmer sowie solider Transfer begrüßt worden, mit dem sich die Bayern Flexibilität und Zeit schaffen, um im Jahr 2020 einen Anlauf bei Hochkarätern wie Kai Havertz von Bayer Leverkusen zu versuchen.

Nun ist es aber eben nicht Juli, sondern nur noch rund drei Wochen bis zum Deadline Day. Dass die Perisic-Verpflichtung sich da perfekt als Panik-Reaktion einer vom modernen Transfermarkt und der Sané-Verletzung überforderten Klubführung deuten lässt, ist nachvollziehbar. Manchmal ist die offensichtliche Deutung aber eben nicht die richtige. Schließlich kommt es am Ende ja eigentlich doch nur darauf an, ob der Elfmeter drin ist oder nicht – egal, wie man dabei aussieht und woran die Leute sich erinnern. Auch auf dem Transfermarkt.