Die Einführung der Rückpassregel war für den modernen Fußball ein Meilenstein. 1992 entschied die FIFA, dass der Torwart einen vom eigenen Spieler absichtlich mit dem Fuß zurückgespielten Ball nicht in die Hand nehmen darf. Rückblickend betrachtet stellt man sich die Frage, wie man nur so lange auf diesen Passus warten konnte. Fraglich ist, ob man sich in zehn oder zwanzig Jahren mit Blick auf heute die gleiche Frage stellen wird.

Der Einführung des Videobeweises, des Torrichters oder des Freistoßsprays zum Trotz ist die Rückpassregel nach wie vor die einschneidenste Regelanpassung mit dem größten Einfluss auf das Spielgeschehen. Moderne Trainertypen wie Julian Nagelsmann oder Thomas Tuchel fordern immer lautstarker den nächsten Meilenstein.

Forderung nach Zeitstrafen

Vor allem das Thema Zeitstrafen erhitzt die Gemüter. „Es bringt mir doch nichts, wenn ein gegnerischer Spieler nach dem achten taktischen Foul die Gelbe Karte sieht und irgendwann mal ein Spiel aussetzen muss“, bringt Nagelsmann das stärkste Argument der Pro-Seite auf den Punkt. Tuchel unterstützt den Gedanken seines früheren Spielers: „Denn was ist ein taktisches Foul und was ein Zweikampf, der kein taktisches Foul war? Da würde dann die Bandbreite zu groß. Aber bei einer Foulobergrenze könnte man über eine Zeitstrafe nachdenken.

Wenn man alle tradierten Gedanken und starren Ansichten wie, „das machen wir doch schon immer so“, beiseite wischt, ergeben Zeitstrafen absolut Sinn. Mit einem taktischen Foul werden oftmals Konter unterbunden, die in einen direkten Torerfolg münden könnten. Eine gelbe Karte, vor allem wenn sie gegen Ende des Spiels gezeigt wird, bringt dem gefoulten Team überhaupt keinen Vorteil. Eine Zeitstrafe von beispielsweise fünf Minuten würde hingegen direkten Einfluss auf das Spielgeschehen nehmen.

Nachteile ergeben sich aus der Regeländerung auf den ersten Blick nicht. Vielmehr zeigt der Vergleich mit anderen Sportarten wie Handball und Eishockey, dass dadurch vielmehr die Dynamik des Sports erhöht wird. Eine Mannschaft, die zu häufig auf das Mittel eines taktischen Fouls zurückgreifen muss, hat in der Regel zuvor oft schlampig verteidigt beziehungsweise im Stellungsspiel Fehler begangen, wäre somit zu Recht im Nachteil und müsste das Abwehrverhalten anpassen.

Tuchel fordert mehr Wechselmöglichkeiten

Rulebreaker Tuchel geht in seinen Forderungen aber noch einen Schritt weiter. Der Trainer von Borussia Dortmund spricht sich nicht nur für Zeitstrafen, sondern auch für eine Änderung bezüglich der Spielerwechsel aus. „Ich würde mich immer noch freuen, wenn wir die Möglichkeit hätten, dreimal zwei Spieler zu wechseln. Das wäre spektakulär – auch für die Zuschauer“, erklärte der 43-Jährige gegenüber ‚RevierSport‘.

Die Begründung ist auf den ersten Blick stichhaltig: „Es würde massiv die Stimmung in einem Kader verändern und zu einer neuen Akzeptanz führen. Die scheinbare A-Elf, B-Elf, Stammspieler, Auswechselspieler – das ist ja nicht mehr. Durch die große Spielbelastung hättest du viel mehr Möglichkeiten, taktisch und personell zu variieren. Es gäbe eine höhere Zufriedenheit, alle würden sich viel mehr gebraucht fühlen. Zu der Anzahl der Spieler auf dem Feld und der Größe des Spielfeldes passen die drei starren Wechsel nicht so sehr zu, wenn man es mit anderen Spielsportarten vergleicht.

Risiken für kleiner Klubs

Tuchel argumentiert aus der Sicht eines Trainers, der bei einem internationalen Topverein und Champions League-Gruppensiegers auf der Trainerbank sitzt. Der BVB-Kader ist gespickt mit Topspielern. Selbstverständlich spricht sich Tuchel dafür aus, mehr frische Stars während eines Spiels einsetzen zu können kann. Sollte eine solche Regel eingeführt werden, würde das jedoch wohl nur zu einem führen: Teams wie Dortmund oder der FC Bayern würden ihren Kadern noch mehr Stars hinzufügen, da mehr davon eingesetzt werden können. Vom Transfergebaren der englischen Klubs ganz zu schweigen.

Unter dem Strich würde dies vor allem die kleinen nicht so potenten Klubs schwächen. Die Stars würden sich noch mehr auf die reichen Vereine verteilen und kleine Bundesligisten wie der SV Darmstadt 98 oder der FC Ingolstadt müssten nehmen, was übrig bleibt. Zu Ende gedacht würde dies die aufgehende Schere in der Bundesliga nur weiter beschleunigen.

Der Fußball ist eine Geisel seines Erfolgs. Getreu dem Motto ‚Never change a running System‘ tut sich der weltweit erfolgreichste Sport seit jeher schwer, althergebrachte Regeln zu ändern. Im Einzelfall sorgt dies dafür, dass die überaus ergiebige Maschinerie Fußball nichts an Produktivität einbüßt. Bei bestimmten Vorschlägen würde es sich aber lohnen, die liebgewonnenen Traditionen beiseite zu lassen und offen für Neues zu sein. Denn auch für den Fußball gilt: Kein Fortschritt bedeutet Rückschritt.