Schon im Sommer, kurz nach Tuchels Ankunft, kamen einige Spannungen zwischen dem Schwaben und dem portugiesischen Sportdirektor auf. Hintergrund: Tuchel forderte einen neuen Sechser, den Henrique aber nicht an Land zu ziehen vermochte. Auf dem gestern abgelaufenen Wintertransfermarkt wiederholte sich die Geschichte.

Die Personalsituation ist mittlerweile sogar noch verschärft. Marco Verratti fehlt verletzt, Adrien Rabiot wurde zur zweiten Mannschaft degradiert, da er seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern will. Mit Leandro Paredes kam zwar für 45 Millionen Euro ein neuer Mittelfeldmann von Zenit St. Petersburg, doch Tuchel wollte mehr.

Vorstoß bei Eggestein?

Nachdem zuvor schon die Bemühungen um Julian Weigl von Borussia Dortmund ins Leere liefen, zerschlug sich am Deadline Day eine Option nach der anderen. Für Idrissa Gueye bot PSG 30 Millionen, der FC Everton wollte aber 40. Kurz vor Schluss versuchte Tuchel angeblich sogar, Werder Bremens Maximilian Eggestein an die Seine zu lotsen. Doch auch dieser Deal kam nicht zustande.

Thiago Mendes vom OSC Lille, der 24 Millionen gekostet hätte, entsprach dagegen nicht den Vorstellungen des Trainers. Lieber will Tuchel nun auf Rabiot zurückgreifen, der begnadigt wurde und in seinem letzten halben Jahr bei PSG nun doch wieder eine wichtige Rolle übernehmen könnte – aus Alternativlosigkeit und zum Unmut Henriques, der das untreue Eigengewächs verkaufen wollte.

Kein Neymar-Ersatz

Und dann ist da auch noch eine andere Baustelle, die nicht behoben werden konnte. Superstar Neymar wird PSG wegen eines Knochenbruchs im Mittelfuß zehn Wochen lang fehlen. Gestern suchte der französische Meister dann händeringend nach einem Ersatz – doch nichts wollte klappen.

Vom FC Chelsea fing man sich einen Korb im Werben um Willian ein. Der Argentinier Luciano Acosta war sogar schon in der Stadt, um den Medizincheck zu absolvieren. Doch auch sein Wechsel scheiterte. Die von D.C. United letztlich aufgerufenen neun Millionen Euro waren dem Scheich-Klub zu viel.

BVB-Déja vu

Das Verhältnis Tuchel-Henrique ist durch zwei verpatzte Transfermärkte nun kaum mehr zu retten. Die Situation erinnert zumindest in ihren Grundzügen an die Zeit des Taktikexperten beim BVB, als er sich mit Sven Mislintat überwarf. Damals war der Coach sogar mächtig genug, den renommierten Chefscout vom Team fernzuhalten. 2017 verließ Tuchel im Streit mit Klubboss Hans-Joachim Watzke den Klub.

Nun droht bei PSG gewissermaßen Tuchels zweite Eiszeit. Der Coach gilt als sturköpfig, sodass für FT-Korrespondent Matthieu Margueritte klar ist: „Tuchel oder Henrique: Einer der beiden wird seine Koffer packen müssen.“ Der PSG-Experte gibt auch gleich einen Tipp ab: „PSG hat kein Interesse an Ärger mit Tuchel. Er macht einen guten Job und wird von seinen Spielern geschätzt.“

Folglich werden zwei verpatzte Transferphasen und eine Eiszeit mit dem Cheftrainer wohl Henrique den Job kosten. Am zu kleinen PSG-Kader ändert das zumindest kurzfristig aber nichts. Tuchel ist bedient, muss daraus nun aber das Beste machen. Die Meisterschaft ist so gut wie in der Tasche, in der Champions League wartet aber schon im Achtelfinale mit Manchester United ein echter Kracher. Ein Ausscheiden wäre angesichts der Personalsituation keine große Überraschung.