Die Fußballwelt kann aktuell live dabei zusehen, wie Cristiano Ronaldo sein eigenes Denkmal einreißt. Seine Nationalelfkollegen, die einst zu ihm aufgesehen haben, wirken dagegen wie befreit und haben offenbar bereits mit dem Superstar abgeschlossen.
Die Länderspielkarriere von Cristiano Ronaldo endet offenbar ebenso aufsehenerregend wie beschämend. Statt eines großen Bahnhofs zum Abschied, der angesichts von 234 Spielen für Portugal und dem Weltrekord von 146 Länderspieltoren angebracht gewesen wäre, erfolgt der Abschied durch die Hintertür. Nicht leise und heimlich, sondern laut, mit vielen Nebengeräuschen, einer Verfolgungsjagd und schlussendlich mit dem eigenen Privatjet.
Wer von der medienwirksamen Abreise und den anschließenden Statements des Angreifers anscheinend wenig beeindruckt war, war das portugiesische Team. 24 Stunden nach der peinlichen Seifenoper, die „einem Teenager würdig war“ (‚Marca‘), lieferte die von Jorge Jesus betreute Mannschaft am gestrigen Donnerstagabend in Dänemark (4:2) eine sehr überzeugende Leistung ab. Nach der Partie äußerten sich die Spieler der Seleção auf Ronaldo angesprochen vielsagend, ohne dabei viele Worte zu verlieren.
Rafael Leão, der nach dem Ronaldo-Abgang dessen Trikotnummer 7 erhielt und damit gegen die Skandinavier aufgelaufen war, erklärte in der Mixed Zone ausweichend: „Das ist eine Angelegenheit, die uns nichts angeht. Wir haben gezeigt, dass wir eine großartige Mannschaft sind. Sicherlich freut er sich zu Hause über den Sieg.“
Klarer zu verstehen war der Seitenhieb von PSG-Profi Vitinha gegenüber ‚O Jogo‘: „Ich finde, das war deutlich zu sehen: Der Teamgeist ist unglaublich, und wenn das so ist, ist der Sieg näher, auch wenn es technisch nicht ganz rund läuft. Es war ein großartiger Sieg, auch nachdem wir zweimal den Ausgleich hinnehmen mussten. Ronaldo? Wir haben gezeigt, dass wir eine großartige Mannschaft sind.“
Als direkter sportlicher Ersatz für CR7 lieferte Gonçalo Ramos eine sehr starke Partie ab, lieferte Tor und Vorlage. „Er hat wie ein Chef gespielt“, wertet ‚A Bola‘ und kürt den Milan-Stürmer zum Mann des Spiels. Ramos selbst legt ebenfalls den Fokus auf die starke Teamleistung ohne Ronaldo und stärkt Coach Jesus den Rücken: „Diese Geschichte hat uns nicht beeinflusst. Der neue Trainer hilft uns enorm. Wir haben klare Vorstellungen, wir wissen genau, wo sich jeder Mitspieler auf dem Platz befindet.“
In Portugal schlagen die Ereignisse ums Nationalteam weiter hohe Wellen. Wie ‚Record‘ berichtet, ist es ein „Thema, mit dem einige Regierungsmitglieder während der gestrigen Ministerratssitzung in Guarda konfrontiert wurden, wodurch es auf die politische Tagesordnung gelangte.“
CR11 statt CR7
Während Ronaldo selbst in den vergangenen, deutlich schwächeren Jahren und während der Weltmeisterschaft im Sommer aufgrund seines Lebenswerks noch unantastbar schien, hat sich die Stimmung nun gedreht. ‚O Jogo‘ titelt spöttisch: „CR11“ und lobt die Jesus-Elf: „Ein kollektiver, über alle Kontroversen hinausragender Auftritt ohne den Kapitän – mit Zusammenhalt, Nervenstärke und Talent.“
Noch ist der endgültige Rücktritt des 41-Jährigen nicht offiziell. Eine Rückkehr zur Seleçao ist nicht ausgeschlossen, wirkt aber unwahrscheinlich. Auch angesichts der Tatsache, dass Ronaldo weitere Enthüllungen und nichts als die „Wahrheit“ angekündigt hat. Und das portugiesische Nationalteam? Es wirkt wie befreit.
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