Bayerns verrückter Transfer-Endspurt: Masse statt Klasse

Wer Anfang vergangener Woche auf die Bayern-Neuzugänge Marc Roca, Bouna Sarr, Douglas Costa und Eric Maxim Choupo-Moting gesetzt hat, ist heute ein reicher Mann. FT mit einer kommentierenden Analyse des Münchner Transfer-Endspurts.

Viermal schlug der FC Bayern kurz vor Transferschluss zu
Viermal schlug der FC Bayern kurz vor Transferschluss zu ©Maxppp

Seine Wunschspieler bekam Hasan Salihamidzic nicht. Callum Hudson-Odoi blieb beim FC Chelsea und Sergiño Dest wechselte nach Barcelona. Mit der Leihe von Juventus Turins Douglas Costa (30) zauberte der Sportvorstand des FC Bayern eine bestens bekannte und qualitativ gute Alternative für die Außenbahn aus dem Hut. Ohne Gebühr wohlbemerkt.

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Die Tatsache, dass der damalige Präsident Uli Hoeneß Costa bei dessen Abschied 2017 einen „Söldner“ schimpfte, wirft jedoch die Frage auf, ob auch wirklich alle im Verein im Brasilianer die geeignete vierte Kraft auf dem Flügel sehen.

Roca kein Thiago-Nachfolger

An Marc Roca waren die Münchner schon im Vorjahr dran. Damals sollte der spanische U21-Europameister noch 40 Millionen Euro kosten. Die Bayern winkten ab – und schlugen einen Abstieg von Espanyol Barcelona später für gerade einmal neun Millionen zu. Ein guter Deal.

Dass Roca aber in die riesigen Fußstapfen von Spielmacher Thiago treten wird, ist nicht zu erwarten. Die Genialität seines nun für den FC Liverpool spielenden Landsmanns geht ihm ab. Eher ist der 23-Jährige ein passabler und passsicherer Sechser, der dem Kader die dringend benötigte Tiefe verleiht. Klar ist: In der Schaltzentrale haben die Bayern an Qualität eingebüßt.

Erfahrung statt eigener Nachwuchs

Statt Rechtsverteidiger Dest kam Bouna Sarr nach München. Der 28-Jährige bringt körperlich einiges mit und soll sofort helfen – wohl aber nur als Backup und nicht als Konkurrent auf Augenhöhe von Benjamin Pavard. Eine Verbesserung rechts hinten geht mit der Verpflichtung eher nicht einher.

Dem jungen Chris Richards (20), der zuletzt mehrfach für die Profis zum Einsatz kam, versperrt Sarr zudem den Weg. Ein klares Signal, dass die Bayern weiterhin sämtliche Titel gewinnen wollen – und dabei quasi kein Platz für Eigengewächse ist. Ob die eingekaufte Qualität ausreicht, um erneut in allen Wettbewerben triumphieren zu können, sei einmal dahingestellt.

Mit Eric Maxim Choupo-Moting kam noch ein Backup für Robert Lewandowski. Die Klasse, den Polen bei einem längerfristigen Ausfall einigermaßen adäquat zu ersetzen, hat der gebürtige Hamburger nicht. Sehr wohl aber könnte er Lewandowski minutenweise entlasten – aber das könnte Joshua Zirkzee auch. Der 19-jährige Niederländer könnte noch heute in seine Heimat verliehen werden. Gelingt das nicht, wird auch er in seiner Entwicklung ausgebremst.

Fazit

Zugutehalten muss man den Münchnern, dass sie ihren Prinzipien auch im Transferendspurt treu geblieben sind. Verrückte Preise wollte der Triple-Sieger in Zeiten der Coronakrise einfach nicht zahlen. Zudem können die frühen Verpflichtungen von Leroy Sané, Alexander Nübel und Tanguy Nianzou für insgesamt weniger als 50 Millionen Euro als Erfolg verbucht werden. Sie verstärken den Kader teils in der Breite, teils perspektivisch und insbesondere Sané auch in der Spitze.

Die vier Transfers im Endspurt wirken jedoch allesamt wie Notlösungen. Auch, wenn jeder einzelne in gewissen Situationen helfen kann. Quantitativ ist der Bayern-Kader nun breit genug aufgestellt, qualitativ besser ist er angesichts der Abgänge von Top-Spielern wie Thiago, Philippe Coutinho und Ivan Perisic aber nicht zwingend. Zudem versperren nun Spieler, die im Laufe ihrer Karriere nicht mehr in die Weltklasse vorstoßen werden, einigen Eigengewächsen den Weg. Und das, obwohl man in München seit Jahren nicht müde wird zu betonen, auch wieder Top-Stars aus dem eigenen Nachwuchs formen zu wollen.

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