Fink im FT-Interview: „Iniesta ist das Beste, was ich je erlebt habe“

Seit über einem Jahr steht Thorsten Fink bei Vissel Kobe an der Seitenlinie und durfte mit Stars wie David Villa, Andrés Iniesta und Lukas Podolski zusammenarbeiten. Entsprechend begeistert fällt sein Fazit aus. Die Sehnsucht nach der Familie kann der Trainer aber nicht verbergen.

Thorsten Fink mit Superstar Andrés Iniesta
Thorsten Fink mit Superstar Andrés Iniesta ©Maxppp

FT: In Deutschland wird viel über die erfolgreiche Eindämmung der Corona-Pandemie in Japan berichtet. Wie bewerten Sie die Situation vor Ort?

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Thorsten Fink: Relativ gelassen, würde ich sagen. Wir haben keine generelle Maskenpflicht, aber natürlich in den Kaufhäusern und Geschäften. Desinfektionsmittel stehen überall bereit. Es werden nicht so viele Leute in die Geschäfte gelassen. Solche Dinge. Auch Deutsche, die hier leben, können jetzt wieder einreisen. Von daher ist das alles relativ locker.

Ist der Trainings- oder Spielbetrieb eingeschränkt?

Eigentlich so wie überall. Bei den Interviews wird Abstand gehalten, man muss Masken tragen. Der Trainer ist der einzige, der keine tragen muss. Natürlich haben wir Zuschauerbegrenzungen. Wir haben maximal 5.000 Zuschauer in unserem Stadion. Das geht, aber die dürfen nicht lautstark anfeuern, sondern nur klatschen.

Wie denken Sie darüber, dass ein Teil der Zuschauer wieder ins Stadion darf?

Ich bin auf jeden Fall für Fans im Stadion. Von mir aus etwas weniger, anstatt alle reinzulassen und dafür mit Abstand. Aber ich bin natürlich dafür, dass die Zuschauer ins Stadion dürfen. Ich weiß, dass es Menschen mit Vorerkrankungen gibt, die sich nicht anstecken dürfen. Aber im Moment haben wir das ja alle, denke ich, ganz gut im Griff. Ich selbst bin recht vorsichtig, so wie man das eben sein muss. Ich muss jetzt die Leute nicht ständig abknutschen.

Sie arbeiten seit über einem Jahr mit Andrés Iniesta zusammen. Ist Superstar die richtige Formulierung für solch einen Spieler?

Megastar, das würde ich noch draufsetzen. Als Mensch ist er ein sehr ruhiger Typ, sehr, sehr umgänglich. Man kann gute Gespräche mit ihm führen. Er macht alles, was der Trainer sagt. Auf dem Platz ist er ein absoluter Profi. Er hat seine Sichtweise vom Fußball, die hat er natürlich von Barcelona mitbekommen. Er ist es gewohnt, Ballbesitz-Fußball zu spielen. Ihm muss man nicht erklären, wie die Laufwege sind.

Ist es schwierig, um einen solchen Spieler eine Mannschaft zu stellen.

Man muss schon die Mannschaft um ihn herum aufstellen. Die Mannschaft muss sich auf ihn einstellen. Er muss den Ball bekommen. Er schlägt Pässe, die sind unglaublich. Das ist ein Künstler, das ist nicht nur ein Fußballer. Das ist wirklich ein Künstler.

Hatten Sie in Ihrer Laufbahn mit einem vergleichbaren Spieler zu tun?

Andrés ist der beste Fußballer, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Sowohl als aktiver Fußballer als auch als Trainer. Das ist das Beste, was ich je erlebt habe. Das ist anders als noch die Guten. Es gibt nur einen, bei dem ich sage, der hat auch diese Genialität. Einen. Das war Mario Basler. Vom Fußballerischen her war das auch so genial. Aber Andrés hat natürlich alles erreicht, was man erreichen kann.

Beeinflusst das Ihre Arbeit?

Ja, da muss man als Trainer natürlich auch dementsprechend respektvoll mit ihm umgehen. Aber natürlich muss er auch merken, von dem Trainer kann ich noch irgendwas mitnehmen. Das versuche ich immer. Es gibt immer irgendwas, was man von jemandem mitnehmen kann. So wie er von mir was mitnehmen kann, kann ich was von ihm mitnehmen. Das ist ganz normal im Fußball. Er hat ja auch nie woanders gespielt als in Barcelona.

Hat es Sie sehr geschmerzt, dass Lukas Podolski den Klub im Januar verlassen hat?

Ja, sehr. Ich wollte ihn ja unbedingt behalten, aber leider war es nicht möglich. Ich weiß nicht, ob es finanzielle Gründe hatte oder aufgrund der Ausländerregel. Ich kann es nicht genau sagen. Wir waren uns eigentlich einig, dass wir ihn behalten wollen.

Was zeichnet ihn aus?

Ich hatte dem Verein gesagt, dass ich ihn behalten möchte, weil er ein absoluter Gewinner-Typ ist. Dazu kommt natürlich, dass er aus Deutschland kommt und mich versteht. Der hat keine Angst hier und versteckt sich auch nicht in großen Spielen. Deswegen haben wir mit ihm – und natürlich auch mit den anderen Stars – den Titel (Landespokal, Anm. d. Red.) gewonnen. Und das kommt nicht von ungefähr, denn viel war auch sein Verdienst, weil er dieser Winner-Typ ist.

Welche Ziele haben Sie noch mit Kobe?

Mein Ziel ist sicherlich, noch einmal einen Titel zu holen. Das haben wir schon gemacht. Im vergangenen Jahr mit dem Pokal und in dieser Saison mit dem Supercup. Und da haben wir jetzt die Chance, in der AFC Champions League hier etwas zu reißen. In der Liga ist es schwieriger. Kobe hat noch nie etwas Besseres erreicht als den siebten Tabellenplatz. Zudem hat beispielsweise Kawasaki nicht die Doppelbelastung, da sie keine Champions League spielen. Wir haben hingegen in den kommenden drei Monaten alle drei Tage ein Spiel. Das ist unglaublich.

Denken Sie über eine Rückkehr nach Europa nach?

Ich kann jetzt nicht langfristig planen. Aber natürlich habe ich auch Ziele, dann nach Europa zurückzukommen. Mein Vertrag läuft jetzt aus im Dezember. Wir haben zwei Titel geholt. Ich denke mal, die Vita liest sich ganz gut. Ich möchte mir da auch keinen Druck machen. Ich möchte hier gute Arbeit abliefern, sodass der Verein einfach sagt: ‚Das war toll mit dem Trainer.‘ Es ist auch mal schön, einen Vertrag bis zum Ende zu erfüllen. Und dann schaut man, was man macht.

Spielt dabei die Familie eine große Rolle?

Für mich fällt es einfach schwer, weil die Familie jetzt nicht in Japan sein konnte. Ich habe meine Familie seit sieben Monaten nicht gesehen. Meine Kinder sind 15 und 14 und das ist natürlich nicht so einfach. Da kamen schon die Gedanken, zurückzugehen zur Familie, aber trotzdem auch den Verein nicht im Stich zu lassen. Meine Kinder sind in der Pubertät, die brauchen ihren Vater. Jetzt sind es aber noch drei Monate und das möchte ich gerne bis dahin durchziehen. Wenn ich doch in Asien bleibe, weil ich jetzt natürlich durch zwei Titel auf mich aufmerksam gemacht habe, dann müsste die Familie mitkommen. Das mach ich dann nicht nochmal so.

Haben Sie das Ziel, in der Bundesliga weiterzumachen?

Nein, nein, das glaube ich jetzt weniger. Zumindest nicht im Moment. Ich bin immer für alles offen und für Gespräche immer bereit. Aber ich setze mir nicht das Ziel, unbedingt in die Bundesliga zu müssen. Es gibt auch gute andere und sehr interessante Ligen. Aber wir schauen, was da passiert.

Beim Hamburger SV wurde im Sommer wieder der Trainer gewechselt. Wurden Sie kontaktiert?

Nein, es gab keine Kontakte. Der HSV ist ein besonderer Klub mit besonderen Reizen und mit tollen Fans. Die waren mit das Beste, was ich als Trainer erlebt habe. Ich war zwei Jahre da. Wenn man zwei Jahre beim HSV bleibt, kann man nicht sagen, dass er erfolglos war. Am Ende war es doch relativ hart dort. Aber ich habe auch davon sehr viel mitgenommen und bin dankbar dafür.

Sie sprechen den Druck auf den Trainer an. Wie ist das im Vergleich mit Japan?

Erst einmal kann ich sowieso keine Zeitung lesen. Ich glaube, das tut mir auch ganz gut. Aber es wird sehr respektvoll mit dem Trainer umgegangen. Ich habe noch nichts Negatives gehört. Die Fans freuen sich immer. Das ist ja eine komplett andere Fankultur. Hooligans oder so gibt es nicht. Wenn wir verlieren, dann geht man eine Runde um den Platz und die Zuschauer klatschen. Und hier wird auch die gegnerische Mannschaft immer mit Beifall empfangen.

Wie bewerten Sie den Fußball in Japan?

Der Fußball hier ist sehr schnell und es wird taktisch hervorragender Fußball gespielt. Es gibt wenige Mannschaften, die sich nur hinten reinstellen. Hier wird Offensivfußball gespielt. Das ist schon gut.

Aber?

Verteidigung in Japan ist wieder ein anderes Thema. Ich persönlich würde als Trainer, wenn ich in Europa arbeiten würde, jetzt nicht so viele japanische Verteidiger holen. Eher Mittelfeldspieler oder Offensivspieler. Natürlich gibt es auch Spieler wie Hasebe, der jetzt in der Dreier-Abwehrkette spielt. Da sind schon ein paar Strategen dabei, die gut sind und schnellen technisch versierten Fußball spielen.

Wie schwierig ist es, eine Mannschaft halb aus Japanern und halb aus Europäern zusammenzustellen?

Die Zusammenstellung der Mannschaft ist immer schwierig. Es ist immer besser, wenn man eine Sprache spricht. Aber man kann von den ganzen Ausländern nicht verlangen, dass sie Japanisch lernen.

Ihr Japanisch wird auch nicht das Beste sein…

Nein, auch nicht (lacht). Englisch ist auch ein Problem. 90 Prozent der Japaner können kein Englisch. Dadurch ist es schwierig, dass alle Englisch sprechen. Deswegen gibt es immer Dolmetscher. Wir haben fünf Dolmetscher und Übersetzer, in jeder Sprache simultan. Wenn ich etwas erzähle, rede ich auf Deutsch. Wir haben dann jemand, der auf Japanisch übersetzt. Und dann gibt es Japaner, die in die anderen Sprachen übersetzen.

Sie haben ihr Vertragsende angesprochen. Wollen Sie direkt weitermachen oder erst wieder mehr Zeit mit der Familie verbringen?

Zunächst braucht mich meine Familie. Und dann muss einfach das Richtige kommen. Man kann sich das als Trainer nicht immer aussuchen und sagen, jetzt warte ich mal auf Arsenal London oder so. Das wird ja jetzt auch nicht passieren. Aber wenn dann ein Verein kommt, der interessant ist, dann werde ich das machen wollen. Und dann ist egal, wie lange die Pause war.

Sie haben bei Kobe wenig Einfluss auf die Kaderplanung. Wäre deshalb das englische Modell beziehungsweise eine Anstellung in England interessant?

Sicherlich ist sowas immer ein Thema. Aber man braucht einen guten Mann an seiner Seite. Ich hatte vor kurzem eine Elite-Trainer-Tagung mit Arsène Wenger. Er sagt, der Trainer steht immer alleine da, der braucht aber einen guten Sportdirektor. Ich habe einmal mit einem Klub aus England geredet, die wollten mich auch haben. Das war ein Klub aus der Championship. Ich bin dann aber woanders hingegangen. Das war vielleicht doch ein Fehler. Das ist noch nicht so lange her. Die Möglichkeit war also schon mal da, zumindest in die Championship zu gehen. Vielleicht wird das ja nochmal was, das kann ich mir auf jeden Fall gut vorstellen.

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