Tibidi im FT-Interview: Traum von England & Ausnahmeerscheinung Dahoud

Im vergangenen Sommer wechselte Alexis Tibidi ablösefrei vom FC Toulouse zum VfB Stuttgart. Der 18-jährige Angreifer kommt bereits auf zwölf Profieinsätze. Im FT-Interview spricht er über seine Anfänge beim VfB, die Entscheidung gegen die Karate-Karriere und welche Spieler in der Bundesliga ihn am meisten beeindrucken.

Alexis Tibidi in Aktion für den VfB Stuttgart
Alexis Tibidi in Aktion für den VfB Stuttgart ©Maxppp

FT: Hallo Alexis Tibidi, bevor wir auf Ihre aktuelle Entwicklung eingehen, würden wir gerne über Ihre Anfänge sprechen. Können Sie uns etwas über Ihre ersten Schritte im Fußball erzählen? Wie hat sich Ihre Liebe zum Fußball entwickelt?

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Alexis Tibidi: Ich habe mit dem Fußball bei ESA Brive angefangen. Ich war viereinhalb Jahre alt, mein Vater hat mich angemeldet, ich habe einfach so mit dem Fußball angefangen, in einem kleinen Verein in meiner Stadt. Ich verbrachte zehn Jahre in diesem Verein und mit 13 Jahren ging ich zum Nachwuchsleistungszentrum in Castelmaurou, aber schon mit zwölf hatte ich einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Nach den zwei Jahren dort bin ich für drei Jahre in das Ausbildungszentrum des FC Toulouse gegangen und habe am Ende dieser drei Jahre meinen ersten Profivertrag hier in Stuttgart unterschrieben.

Sie waren Karatemeister. Wie kam es dazu, dass der Fußball die oberste Priorität erhielt? Und wie hat Ihnen Karate bei Ihrer Entwicklung geholfen?

Das ist in erster Linie eine Frage des Gefühls. Ich habe beide Sportarten gleichzeitig betrieben und hatte das Gefühl, dass ich mehr in Richtung Fußball gehen wollte. Was ich vom Karate mitnehme, ist, dass dieser Sport mir mental sehr geholfen hat. Und heute, als Profifußballer, kann ich mich auf diese mentale Stärke stützen, um jede Situation zu bewältigen.

Können Sie uns etwas über die Zeit in Toulouse erzählen? War es eine gute Ausbildung für den Sprung in die Professionalität?

Toulouse ist ein wirklich gutes Ausbildungszentrum. Es gibt einige Spieler, mit denen ich zu tun hatte und die wie ich hier nach Deutschland gekommen sind. Amine Adli, Manu Koné – wenn ich mir den Werdegang der beiden Spieler anschaue, ist er meinem ein wenig ähnlich. Wir haben denselben Weg hinter uns und meine Beziehungen zu Amine und Manu sind gut. Wir tauschen uns viel aus, wir leben im selben Land, also geben wir uns zwangsläufig einige Tipps.

Mit 17 haben Sie den Sprung nach Deutschland zum VfB Stuttgart gewagt. Wie kam es zu dieser Wahl und wie lief die Integration?

Wir haben mit meinem Vater viel darüber gesprochen, was die beste Wahl wäre. Mein Vater hat auch viel mit meinen Berater Sekou Kaba darüber geredet. Es gab mehrere Möglichkeiten: Italien, England oder der Verbleib in Frankreich. Heute weiß ich, dass Deutschland keine so schlechte Wahl war. Ich konnte sehr schnell in die Profiwelt hereinschnuppern und man schenkt der Jugend hier großes Vertrauen. Was meine Integration betrifft, habe ich in Stuttgart großes Glück, da hier schon französische Spieler waren. So ist es leichter, sich anzupassen. Auch auf dem Platz habe ich mich schnell angepasst und bin damit zufrieden.

Wie würden Sie das Spiel in der Bundesliga beschreiben?

Es ist ein Spiel ohne Pausen, es ist aggressiv. An den Rhythmus muss man sich erst gewöhnen. Wenn man aus Frankreich kommt und körperlich noch nicht so weit ist, kann es sehr kompliziert sein.

Am 20. November 2021 haben Sie in Dortmund (1:2) ihr erstes Bundesliga-Spiel absolviert. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?

Ich trainierte und spielte damals mit der U19 und zeigte gute Leistungen. Eines Tages rief mich der Trainer an, um mir zu sagen, dass ich einige Einheiten mit den Profis absolvieren soll. Auch dort lief es dann gut und am 20. November erfuhr ich dann, dass ich im Kader für das Spiel in Dortmund bin. Ich reiste also mit den Jungs an, machte mir aber keine Gedanken darüber, ob ich spielen würde oder nicht. Ich begann auf der Bank und ging später zum Aufwärmen. Der Trainer rief mich, ich ging rein, ohne zu viel darüber nachzudenken und mir zu sagen: ‚Wow, du spielst gegen Dortmund, das ist Dortmund, oder sowas.‘. Ich bin einfach auf den Platz gegangen – ohne Stress oder Ängste. Ich habe den Sprung ist kalte Wasser gemacht.

Sie sind gelernter Stürmer, können im Offensivbereich aber viele Positionen bekleiden. Beschreiben Sie uns doch mal ihr Profil und ihre Spielweise.

Ich bin ein technisch guter, athletischer Spieler, der beide Füße einzusetzen weiß. Ich kann mich auf verschiedenen Positionen schnell den Gegebenheiten anpassen. Man hat mir immer gesagt, dass ich mit meiner guten Technik überall spielen kann. Ja, ich denke, so ist es auch.

Und Ihre Lieblingsposition?

Am liebsten spiele ich als Linksaußen, damit ich mit meinem rechten Fuß nach innen ziehen kann. Dort fühle ich mich am wohlsten.

Woran arbeiten Sie, um sich weiterzuentwickeln und eine neue Stufe zu erreichen? In welchen Bereichen müssen Sie sich noch verbessern?

Überall. Tempo, Abschluss, Kopfballspiel. Obwohl ich groß bin, 1,86 Meter, muss ich am Kopfballspiel wirklich noch arbeiten.

Können Sie uns etwas über den Widerspruch zwischen der schwierigen sportlichen Situation Ihres Vereins und Ihrem Aufwärtstrend erzählen? Ist es auf mentaler Ebene nicht schwierig, damit umzugehen? Wir können uns vorstellen, dass dieses Gefühl eine Art Druck ausübt...

Ehrlich gesagt, versuche ich aus all diesen Situationen immer nur das Positive zu ziehen, denn man darf nicht vergessen, dass es meine erste Profisaison ist. Und dass ich, auch wenn es für alle eine komplizierte Saison ist, jedes Spiel etwas lerne. Man hat mir immer gesagt, dass man durch das Spielen lernt. Also auch wenn wir in dieser Saison keine guten Leistungen erbracht haben, kann das aus persönlicher Sicht für meinen Werdegang nur von Vorteil sein.

Nach neun Einsätzen, davon zwei in der Startelf, mussten Sie schließlich in die Reservemannschaft in die Regionalliga Südwest zurück, wie haben Sie das erlebt? War es eine Strafe von Ihrem Trainer Pellegrino Matarazzo? Wie sind Sie mit dieser Degradierung umgegangen?

Man muss wissen, dass es in Deutschland strenger ist als in Frankreich, man ist weniger tolerant bei bestimmten Dingen. Wenn das Training um 15 Uhr ist, muss man eine Stunde vorher da sein, also müssen die Spieler um 14 Uhr da sein. Einmal war ich krank und habe ein Training verpasst, es gab ein Missverständnis mit dem Trainer und seine Entscheidung war schließlich, mich für ein paar Spiele in die Reserve zu schicken. Schließlich riefen mein Vater und ich einen Arzt an, der feststellte, dass es mir nicht gut ging, aber dass ich am nächsten Tag wieder zur Verfügung stehen konnte – aber zu spät. So kam es, dass ich wieder in die Reservemannschaft zurückkehrte. Natürlich denkst du, dass das unfair ist, aber das gehört zum Lernen dazu. (Sein Vater reagiert)

Tibidi senior: Man muss auch wissen, dass die Sitzung am Donnerstag immer sehr wichtig ist, also habe ich ihm gesagt, dass er unbedingt dorthin gehen muss, vor allem, weil er die ganze Woche über sehr gut gewesen war. Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht bei ihm und als ich ihn wieder anrief, sagte er: ‚Mist, ich habe die Stunde verpasst.‘ So ist es, aber es ist nicht einfach. Die Leute denken, dass es einfach ist, in die Berufswelt einzusteigen, aber das ist es nicht. Es gibt viele Dinge, die eine Rolle spielen, daher kann ich meinen Sohn hier in Deutschland nicht allein lassen.

Sie sind auf jeden Fall schon wieder in der ersten Mannschaft, da Sie an den vergangenen drei Spieltagen in den Kader berufen wurden und zweimal zum Einsatz kamen. Können Sie uns etwas mehr über Ihre persönlichen Ambitionen für den Beginn Ihrer Karriere erzählen? Sie haben einen Vertrag bis Juni 2025. Ist es Ihr Ziel, sich hier durchzusetzen oder haben Sie andere Pläne?

Alexis Tibidi: Es gibt jederzeit Ziele für die Zukunft, das ist klar. Aber ich bin jemand, der Schritt für Schritt geht. Es ist normal, Ziele zu haben, aber alles zu seiner Zeit.

Gibt es eine Liga, die Sie für Ihre weitere Karriere ansprechen würde?

Ich mag die Bundesliga, ich sage die Wahrheit. Aber die Meisterschaft, von der jeder träumt, dorthin zu gehen oder zu spielen, das ist England, die Premier League.

Bereuen Sie etwas am Beginn Ihrer jungen Karriere?

Nein, ich könnte nicht sagen, dass ich die Entscheidungen, die ich bislang getroffen habe, bereue. Mit 17 Jahren habe ich meinen ersten Profivertrag unterschrieben, mit 18 Jahren mein erstes Spiel gegen Dortmund in der Bundesliga gemacht. Nein, wenn ich sage, dass ich von meinen Entscheidungen empört bin, dann muss ich verrückt sein (lacht). Es ist der Traum vieler Menschen und ich habe es geschafft, ihn zu verwirklichen.

Letzte Frage: Nachdem Sie so jung gegen Bayern München oder Borussia Dortmund gespielt haben, hat Sie ein Spieler in der Bundesliga besonders beeindruckt?

Der Spieler, der mich am meisten beeindruckt hat... Mahmoud Dahoud von Dortmund. Das ist krass. Das ist die Art von Spielern, über die man in einer Mannschaft nicht spricht. Wenn man über Dortmund spricht, spricht man nicht über Dahoud, man wird über Erling Haaland oder Marco Reus sprechen, aber nicht über Dahoud. Ehrlich gesagt habe ich sowas noch nie gesehen. Er ist technisch versiert, hat eine Spielübersicht und ist dir einen Schritt voraus. Wenn du daran denkst, ihn zu tacklen, hat er den Pass schon gespielt (lacht). Das ist zu viel. Von den Spielern, die mich ansonsten in der Bundesliga beeindruckt haben, Robert Lewandowski, ehrlich. Er strahlt die Aura eines großen Spielers aus. Wenn man ihn sieht, wenn er den Ball berührt, dann ist da etwas Magisches.

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