Gefühlt war es letztendlich doch eine Überraschung, trotz der anhaltenden Krise, trotz der Berichterstattung der vergangenen Wochen: Tottenham Hotspur hat Mauricio Pochettino entlassen. Vor wenigen Monaten hatte der 47-Jährige die Spurs noch ins Champions League-Finale geführt. Nun ist seine Amtszeit nach fünfeinhalb Jahren vorbei.

Es ist eine spektakuläre Entlassung, die europaweit für Aufsehen sorgt. Auch an der Säbener Straße. Schon bevor der FC Bayern die Entscheidung traf, Trainer Niko Kovac zu entlassen, hatten Gerüchte um Pochettino und die Münchner die Runde gemacht. Sportdirektor Hasan Salihamidzic habe sich mit dem Argentinier bereits im Rahmen des Audi Cups im Sommer lange ausgetauscht.

Ob es dabei um ein zukünftiges Engagement von Pochettino in München ging, ist unklar. Allzu konkrete Gespräche werden die beiden aber nicht geführt haben. Schließlich saßen sowohl der Spurs-Coach als auch Kovac bei ihren Vereinen noch relativ sicher im Sattel.

Pochettino auf dem Markt

Nun hat sich die Situation schlagartig geändert. Plötzlich ist Pochettino auf dem Markt und die Bayern suchen einen Trainer. Hansi Flick erledigt seine Arbeit bisher ordentlich, ist aber nur eine Interimslösung mit einer Jobgarantie bis zur Winterpause. Ob die Bayern versuchen werden, Pochettino für die Rückrunde zu installieren, wird auch von Flicks Abschneiden abhängen.

Unabhängig davon ist die Frage der Verfügbarkeit des 47-Jährigen aber ungeklärt. Wie Oliver Kay von ‚The Athletic‘ aufzeigt, wirkte Pochettino in den letzten Monaten seiner Amtszeit in London zunehmend erschöpft. Er habe den Anschein erweckt, als habe „er aufgegeben und warte nur darauf, dass die Axt fällt“. Der Argentinier, der die Spurs zu einer Macht im englischen Fußball entwickelt hatte, wirkte angesichts der Krise nur noch ratlos.

Ein halbes Jahr Pause

Eine Krise, die, wie die Statistik zeigt, Tottenham nicht erst seit Beginn der neuen Saison plagt. Seit Ende Februar haben die Spurs nur sechs von 24 Premier League-Spielen gewonnen. Der letzte Auswärtssieg in der Liga datiert von Mitte Januar. Der Finaleinzug in der Königsklasse, der rückblickend durch gleichsam spektakuläre wie glückliche Siege zustande kam, konnte die entstandenen Rissen in Pochettinos Tottenham nur zeitweise kaschieren.

Angesichts dessen scheint es wahrscheinlich, dass sich der 47-Jährige erst im Sommer bereit zeigt, einen neuen Klub zu übernehmen. Schließlich würde das Interesse an Pochettino auch zu diesem späteren Zeitpunkt ungebrochen sein, er hätte jedoch die Möglichkeit, die eigenen Akkus vor einem neuen Engagement aufzuladen.

Auch für die Bayern wäre es ein optimales Szenario: Flick die Saison erfolgreich zu Ende führen lassen, um dann im Sommer Pochettino zu installieren, der mit frischer Energie in sein viertes Trainerprojekt nach Espanyol Barcelona, dem FC Southampton und Tottenham gehen könnte.

Lobende Worte aus der Kabine

Der Unterstützung aus der Mannschaft könnten sich die Bayern-Verantwortlichen bei einem solchen Vorhaben wohl sicher sein. „Er hat uns taktisch sehr gut eingestellt. Die Spieler haben direkt an ihn und seine Worte geglaubt, er hat uns neues Leben eingehaucht. Er ist ehrlich und direkt. Das haben die Spieler sofort gemerkt“, schwärmt Robert Lewandowski in der ‚Sport Bild‘ von Flick und resümiert: „Es wäre sicher sinnvoll, mit Hansi Flick weiterzumachen.“

Auch Pochettino scheint hohes Ansehen in der Bayern-Kabine zu genießen. Joshua Kimmich erklärte nach dem gestrigen Länderspiel gegen Nordirland (6:1) auf den Ex-Spurs-Coach angesprochen: „Er hat mit Tottenham über Jahre Druck gemacht. Sie hatten eine Riesenkonstanz in den vergangenen Jahren und waren immer vorn mit dabei, sind dazu in der vergangenen Saison ins Champions-League-Finale eingezogen. Er ist ohne Frage ein Top-Trainer.“

Der einzige Kandidat ist Pochettino aber nicht. Auch Erik ten Hag von Ajax Amsterdam wurde bereits an der Säbener Straße gehandelt und gilt als Wunschkandidat von Bayern-Geschäftsführer Karl-Heinz Rummenigge. Thomas Tuchel und Pep Guardiola wurden ebenfalls gehandelt, sind aber wohl auch im Sommer nicht verfügbar. Mit einer allzu baldigen Entscheidung in der Trainerfrage ist nicht zu rechnen. Schließlich haben die Münchner noch mindestens bis zur Winterpause Zeit.