Silva in Leipzig: Der Fremdkörper im System

In der vergangenen Saison ließ André Silva in der Torjägerliste sogar Erling Haaland hinter sich. Bei seinem neuen Klub RB Leipzig hat der Portugiese noch große Anpassungsprobleme, die Bindung zum System von Trainer Jesse Marsch hat er noch nicht gefunden.

André Silva ist im Dress von RB Leipzig
André Silva ist im Dress von RB Leipzig ©Maxppp

Während der Bundesligasaison 2020/21 glänzte André Silva noch durchgehend. Bei 28 Treffern sowie acht Assists in 32 Ligaspielen hielt die längste Durststrecke des Mittelstürmers bei Eintracht Frankfurt lediglich zwei Partien an – am 13. sowie 14. Spieltag. Ansonsten gab es nur fünf Partien, in denen der 25-jährige nicht mindestens an einem Treffer der SGE direkt beteiligt war.

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Für 23 Millionen Euro tauschte Silva im Transfersommer seinen Frankfurter Dress gegen den von RB Leipzig ein und scheinbar im selben Zug auch seine Torgefährlichkeit. Ein Tor und ein Assist stehen in mittlerweile sieben Pflichtspielen zu Buche, beide gelangen dem Mittelstürmer beim 4:0-Sieg über den VfB Stuttgart Mitte August. Jubelbilder sind seitdem Mangelware.

„André ist ein sehr guter Spieler, wir kennen seine Stärken und wissen genau, wie er Tore erzielt“, erzählt Leipzigs Technischer Direktor Christopher Vivell in der ‚Sport Bild‘, „er bewegt sich sehr geschickt im Strafraum. Momentan schaffen wir es als Mannschaft noch nicht, ihn dauerhaft in diesen torgefährlichen Bereich zu bringen. Aber André ist sehr fleißig und ein harter Arbeiter. Wir sind davon überzeugt, dass wir noch viel Freude mit ihm haben werden.“

Zielspieler ohne Zuarbeit

Das von Vivell beschriebene Problem, Silva in die Position des Endverwerters der Leipziger Angriffe zu bringen, lässt sich womöglich nicht ganz so schnell beheben. Das von Jesse Marsch praktizierte Spielsystem setzt sich vor allem aus aggressivem Pressing und einem durchs Zentrum aufgezogenen Kurzpassspiel zusammen. Ideale Voraussetzungen für Stoßstürmer mit einem guten Antritt, die beim Pressing mitarbeiten und auch außerhalb des Sturmzentrums effektiv sind.

Silva entspricht jedoch eher dem Typus des klassischen Knipsers, oder wie Jesse Marsch es ausdrückt: „Er ist kein Umschaltspieler.“ Sämtliche seiner 28 Bundesligatore in der Vorsaison erzielte der 1,85 Meter große Rechtsfuß innerhalb des Strafraums. Abzüglich der sieben Elfmetertreffer fielen neun der restlichen 21 Tore im Fünfmeterraum, Frankfurts flankenbasiertes Spiel griff perfekt mit den Stärken des Portugiesen ineinander – in Leipzig sucht man noch vergebens nach der Lösung.

Stellvertretend dafür kam Silva in den bisherigen fünf Bundesligapartien auf durchschnittlich 1,18 Torschüsse pro 90 Minuten, in der Vorsaison lag der Wert mit 3,68 mehr als dreimal so hoch (Quelle: understat.com). Anhand der Abschlüsse aus dem Spiel heraus lässt sich der Start des Sommerneuzugangs noch anschaulicher darstellen: Magere zwei Schüsse gab Silva in den ersten fünf Bundesligaspielen aufs Tor ab.

Der fehlende Kostic-Faktor

Bei der Eintracht kam dem Angreifer zugute, dass im 3-4-3 weniger Offensivkräfte um die Abschlüsse buhlten als in Leipzig. Während bei der SGE Flankenkönig Filip Kostic aus der Tiefe eines Schienenspielers heraus agierte, suchen beispielsweise Christopher Nkunku oder Dominik Szoboszlai als eingerückte Flügelspieler eher den Weg nach innen in Richtung Tor, um selbst zum Abschluss zu kommen.

Leipzigs Vorjahres-Kostic, Linksverteidiger Angeliño, muss unter Marsch etwas weiter hinten in einer Viererabwehrkette agieren, statt als offensiver Außenverteidiger im 3-4-3. Silvas benötigte Unterstützung von außen hat es also selbst schwer, in entsprechende Positionen auf dem Flügel zu kommen. Angesichts des schleppenden Saisonstarts mit nur einem Ligasieg stellt sich also die Frage, ob die Stärken des Kaders im aktuellen System zur Geltung kommen. Bei Silva ist dies noch nicht der Fall.

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