Es ist die zehnte Spielminute im Champions League-Spiel zwischen RB Salzburg und der SSC Neapel. Nach einem langen Ball geht Hee-chan Hwang im Strafraum ins Dribbling gegen Kalidou Koulibaly. Ein auf den ersten Blick aussichtsloses Unterfangen, schließlich gehört der Senegalese zu den Besten seiner Zunft. Eine schnelle Finte nach rechts, eine plötzliche Drehung nach links und eine überforderte Grätsche später gibt es dann aber Elfmeter für RB.

Eine durchaus sinnbildliche Szene. Schließlich war es Erling Braut Haaland und nicht Hwang, der sich den Ball schnappte, vom Punkt zum zwischenzeitlichen 1:0 traf und dadurch wieder einmal im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.

Angesichts von bereits 26 Saisontoren ist der Hype um den norwegischen Stürmer so groß wie berechtigt. Doch neben Haaland spielt eine Offensive, die sich vor keiner Abwehr Europas verstecken muss. Und in seinem Schatten wirbeln Spieler, deren Entwicklung nicht minder beeindruckend ist.

Bester Vorlagengeber der Königsklasse

Hwang ist einer dieser Spieler. Schon zwei Wochen bevor er Koulibaly im Zweikampf alt aussehen ließ, hatte der Südkoreaner im Hinspiel (2:3) einen anderen Neapolitaner düpiert. Mit einem Beinschuss war er an Kévin Malcuit vorbeigezogen und hatte so ebenfalls einen Elfmeter herausgeholt.

Die beiden Strafstöße mit eingerechnet steht Hwang nun bei fünf Assists in vier Champions League-Spielen – Bestwert in der Königsklasse. Hinzukommen zwei Tore. Wettbewerbsübergreifend steht der 23-Jährige bei sieben Toren und 14 Vorlagen.

Dementsprechend zufrieden zeigt man sich derzeit in Salzburg mit dem flinken Offensivspieler. „Hee-Chan ist ein Spieler mit sehr viel Potenzial. Seine enormen Fähigkeiten zeigt er aktuell auch in der Champions League, und kann damit jedem Verteidiger der Welt Probleme bereiten“, erklärt Salzburg-Sportdirektor Christoph Freund gegenüber FT, „Hee-Chan passt mit seiner Dynamik und Power perfekt in die Spielphilosophie des FC Red Bull Salzburg. Das führt zu einer nahezu perfekten Konstellation.

Schwere Zeit beim HSV

Für deutsche Fußball-Fans kommt Hwangs Leistungssprung durchaus überraschend. Schließlich tat sich der Südkoreaner in der vergangenen Saison beim Hamburger SV schwer. Mit zwei Toren in 20 Zweitligaeinsätzen konnte der bei seiner Verpflichtung gefeierte Leihspieler die hohen Erwartungen nicht erfüllen.

Erklärungsansätze gibt es viele. Die Tatsache, dass er weder die Sommer- noch die Wintervorbereitung beim HSV absolvieren konnte zum Beispiel. Oder dass er nach einem Mammutprogramm aus regulärem Spielbetrieb auf Klubebene, der WM 2018 in Russland, der U23-Asienmeisterschaft im August und dem Asia Cup im Januar über nicht mehr genügend Körner verfügte, um in der physisch anspruchsvollen zweiten Liga Topleistungen zu bringen.

Zwei Verletzungen im Frühjahr 2019 und ein als Kollektiv kriselnder HSV werden ihr Übriges getan haben. Trotz der sportlich unbefriedigenden Zeit in Hamburg bereuen die Salzburger Hwangs Leihe aber nicht.

Kein verschenktes Jahr

Freund erklärt den Gedankengang der Sportlichen Leitung: „Schon vor seiner Leihe zum HSV hat er seine Fähigkeiten in vielen Spielen angedeutet beziehungsweise gezeigt. Er hat herausragende Matches gegen sehr starke Gegner wie beispielsweise in der Europa League gegen Borussia Dortmund oder OSC Nizza gemacht.

Der Sportdirektor fährt fort: „Allerdings hat er es aus verschiedenen Gründen, unter anderem auch wegen laufender kleinerer Verletzungen, nicht geschafft dieses Niveau konstant abzurufen. Mit der Leihe zum HSV wollten wir – nach Rücksprache mit Hee-Chan und seinem Management – einen neuen Reiz für ihn setzen.“

Das ist geglückt: „Er hat sich in einem schwierigen Jahr beim HSV als Spieler und als Person weiterentwickelt. Dieses Jahr hat ihm trotz überschaubaren sportlichen Erfolges trotzdem in seiner Entwicklung sehr gutgetan.“ Angesichts Hwangs jüngsten Leistungen kann man dem kaum widersprechen. Kalidou Koulibaly würde wohl zustimmen.