Nach 45 Minuten musste Marco Friedl infolge seiner indiskutablen Leistung vom Platz. Als linker Part einer Dreierkette waren der Bayern-Leihgabe zuvor diverse Stockfehler unterlaufen. Alle drei Gegentore fing sich der SV Werder über seine Seite.

Die 2:6-Klatsche an dem 20-Jährigen festzumachen, wäre allerdings deutlich zu kurz gegriffen. Insgesamt stimmten in der Bremer Defensive die Abstände nicht. Von „Konterabsicherung“, eigentlich einer der Lieblingsbegriffe von Florian Kohfeldt, war nichts zu sehen.

Das Dilemma beginnt mit Moisander

In diesem Fall ist die Ursache allerdings nur bedingt in der Umstellung von Vierer- auf Dreierkette zu suchen. Stattdessen sollte infolge des Ausfalls von Niklas Moisander ein Blick auf das Personal erlaubt sein. Dabei ist Friedls rabenschwarzer Tag nur ein Aspekt. Auch Nuri Sahin stößt als alleiniger Sechser an seine (läuferischen) Grenzen. Der Regisseur ist schon aufgrund mangelnder Endgeschwindigkeit nicht in der Lage, gewisse Lücken zu schließen.

Neben Friedl verteidigte zentral Sebastian Langkamp. Dem 30-Jährigen kann man zwar in puncto Mannschaftsdienlichkeit und Zuverlässigkeit keine Vorwürfe machen, aber auch er offenbarte gegen Bayer Defizite im Antritt. Die Qualität im Spielaufbau, über die Moisander und Milos Veljkovic verfügen, bringt Langkamp zudem nicht mit.

Defensive bewusst auf Kante genäht

Nun sollte man konstatieren, dass all diese Erkenntnisse Kohfeldt nicht wirklich neu sind. Bewusst hatte er sich in Absprache mit Frank Baumann im Sommer dafür entschieden, den Transfermarkt sehr offensiv anzugehen.

Es fing an mit der Verpflichtung von Davy Klaassen als Ersatz für Thomas Delaney. Spielerisch ist der Niederländer sicherlich ein Upgrade gegenüber dem robusten Dänen, die Abräumerqualitäten seines Vorgängers bringt Klaassen jedoch nicht mit. Und auch Last-Minute-Neuzugang Sahin ist eine Investition in den Ballbesitzfußball, den Kohfeldt so leidenschaftlich predigt. Im Umschaltspiel weist der 30-Jährige hingegen bekannte Defizite auf.

Eine weitere Risikozone ist Werders Innenverteidigung. Wenn Moisander ausfällt, mangelt es an einem spielerisch starken und souveränen Backup. Friedl hat seine Stärken eigentlich auf der linken Außenbahn. Langkamp macht zwar seinen Job, stößt aber in gewissen Szenen an seine Grenzen.

Kohfeldt hat Rückschläge einkalkuliert

In Bremen ist man dennoch weit davon entfernt, die Philosophie grundsätzlich in Frage zu stellen. Kohfeldt will dominant auftreten und an den Offensivfußball anknüpfen, den Werder einst unter Thomas Schaaf zur Vorzeigeadresse in Deutschland gemacht hatte.

Das Spiel wird keinen von uns verunsichern. Denn das Ergebnis ist nicht unerklärlich. Das Schwierige, nämlich aus geordnetem Ballbesitz Chancen herauszuspielen, haben wir auch gegen Bayer gut gemacht. Das Einfache, das allein mit Aufmerksamkeit zu tun hat, das haben wir nicht gemacht. Doch diese Dinge können und werden wir abstellen. Wir werden wieder da sein“, sagte Kohfeldt nach der Klatsche.

Und es bleibt dabei: Der Bremer Ansatz ist trotz der ein oder anderen offensichtlichen Schwäche lobenswert. Konstruktiven Ballbesitzfußball bieten in der Bundesliga die wenigsten Teams in dieser ausgeprägten Form. Der angepeilte Europapokal-Platz ist nach wie vor realistisch, viel passieren darf hinsichtlich Verletzungen im Defensivbereich aber nicht.