Herthas Transformation unter Dárdai: Big City-Klub adé?

Hertha BSC verhält sich bislang erstaunlich zurückhaltend im laufenden Transferfenster: Bislang wurde auf schillernde Neuzugänge verzichtet. Augenscheinlich beschreitet der Hauptstadt-Klub unter Cheftrainer Pál Dárdai einen neuen Weg. Ein FT-Kommentar.

Gibt bei der Hertha die Richtung vor: Pál Dárdai
Gibt bei der Hertha die Richtung vor: Pál Dárdai ©Maxppp

Jhon Córdoba ist bereits weg – Matheus Cunha und Dodi Lukébakio könnten folgen. Bei Hertha BSC vollzieht sich hinsichtlich der Transferpolitik ein Paradigmenwechsel. Nach dem Einstieg von Investor Lars Windhorst im Sommer 2019 begann der Hauptstadt-Klub in großem Stil zu investieren.

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Rund 110 Millionen Euro flossen in neue Spieler: Lucas Tousart (25 Millionen, Olympique Lyon), Krzysztof Piatek (24 Millionen, AC Mailand) Dodi Lukébakio (20 Millionen, FC Watford), Matheus Cunha (18 Millionen, RB Leipzig) sowie Santiago Ascacíbar (10 Millionen, VfB Stuttgart) kosteten zweistellige Millionensummen. Der Ertrag: Sehr gering.

Mehr als ein zehnter Platz sprang in der Saison 2019/2020 nicht heraus. Vor der abgelaufenen Spielzeit operierte man auf dem Transfermarkt zurückhaltender: Lediglich Jhon Córdoba kostete einen zweistelligen Millionenbetrag. Mit Mattéo Guendouzi und Nemanja Radonjic, die inzwischen beide andernorts spielen, lieh man zwei feine Fußballer aus. Die abgelaufene Spielzeit gestaltete sich für die Alte Dame dennoch äußerst schwierig – bis zum Schluss bangte der Klub um den Klassenerhalt.

Dárdai forderte Veränderungen

Am 20. Spieltag beerbte Cheftrainer Pál Dárdai den glücklosen Bruno Labbadia und hielt mit Mühe und Not die Klasse. Nach Ansicht des rustikalen Trainers – der zwar den Teamgeist stärkte, spielerisch jedoch wenig bewirkte – fehlte es dem Kader an Mentalität. So sagte der Ungar nach gelungenem Klassenerhalt: „In der Zukunft muss die Mischung stimmen aus Spielern, die von außen kommen und richtigen Herthanern, die aus der Akademie kommen und sich anders identifizieren mit dem Verein.“

Und weiter: „Es ist viel Geld hier, aber nicht für große internationale Klasse. In Deutschland kann man damit viel anfangen, aber step by step“, erklärt Dárdai, „man muss auch lernen, dass es schwierig ist, so viele neue Spieler auf einmal zu holen.“ Nun wird klar, dass Dárdais Worte Wirkung gezeigt haben.

Ein Schritt zurück, folgen zwei nach vorne?

Fußballerische Feingeister und Unterschiedsspieler wie Córdoba, Guendouzi oder auch Cunha sind bereits weg oder dürfen gehen. Der selbst ausgerufene Big City-Klub geht also einen Schritt zurück. Fraglich ist allerdings, ob Dárdai eine qualitativ durchschnittlich besetzte Mannschaft in höhere Gefilde führen kann: Ein Vabanquespiel mit ungewissem Ausgang.

Ungeachtet des Bekenntnisses zu Dárdai muss der Anspruch – zumindest mittelfristig – bestehen bleiben, international zu spielen. Dass Dárdai eine autoritäre Persönlichkeit ist, die den Mannschaftsgeist erwecken kann, steht außer Frage. Ob der von ihm favorisierte schnörkellose Arbeiter-Fußball jedoch auf Dauer den Ansprüchen von Windhorst & Co. genügen wird, steht auf einem anderen Blatt.

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