Wenn Nabil nur eine Halbzeit gespielt hat, dann läuft er rum, als hätten wir 0:5 verloren.“ Nur eine von mehreren schallenden Backpfeifen, die Schalkes Sportdirektor Christian Heidel seinem Mittelfeldmann Nabil Bentaleb im vergangenen Februar verpasst hatte. „Da spürt natürlich jeder in der Mannschaft, dass Nabil seine eigene Situation über die der Mannschaft stellt“, kam noch hinterher. Eigeninteresse über Mannschaft – mit das Schlimmste, was man einem Fußballer vorwerfen kann.

Angesichts dieser Worte mag es verwundern, dass jener Bentaleb zehn Monate später noch immer Königsblau trägt. In viele Fällen bedeuten solche Worte das Ende der Zusammenarbeit, weil sich angesprochener Spieler erst recht nicht mehr gewürdigt fühlt und beleidigt auf seinen Abgang hinarbeitet. Bei Bentaleb war das nicht so. Und das sagt einiges über diesen Spieler aus.

Der Grund, warum die Ehe zwischen Schalke und dem zweitteuersten Spieler der Vereinsgeschichte doch kein Missverständnis wurde, ist beim Algerier selbst zu finden. Wer Bentaleb heute im Training am Ernst-Kuzorra-Weg erlebt, der sieht einen anderen Spieler als im Frühjahr. Einen, in dessen Zusammenhang Heidel mittlerweile sogar das Wort „Führungsspieler“ in den Mund nimmt. So kann es manchmal nämlich auch gehen.

Zehn statt Sechs oder Acht

Eine positive Veränderung“ habe Bentaleb durchlaufen, registriert sein Sportdirektor heute, „wenn er so weitermacht, kann ich mir auch eine Anführer-Rolle gut für ihn vorstellen.“ Was genau dahintersteckt, beschreibt Trainer Domenico Tedesco anhand dessen, was sein Mittelfeldmann in die Waagschale wirft. „Er schiebt an und treibt an“, stellt er bei Bentaleb fest. Einer, der an der Kurbel steht und unermüdlich pumpt.

So ist der 19-Millionen-Mann besonders wichtig für die Schalker Offensive. „Er ist in der Lage, im letzten Drittel den Unterschied zu machen“, lobt Tedesco, „er steckt auch mal einen Ball durch, spielt den Ball in die Spitze oder überspielt mal mit einem kleinen Chip die Kette.“ Die logische Folge: Bentaleb ist seit drei Pflichtspielen nicht mehr auf der Sechs oder der Acht, sondern auf der Zehn zu finden.

„Genie bleiben, weniger Wahnsinn zeigen“

Eine Maßnahme, die zu fruchten scheint. „Er muss Genie bleiben – und etwas weniger Wahnsinn zeigen“, sagt Heidel. Dass das auf der Zehn besser geht, liegt auf der Hand. Bentalebs „Wahnsinn“ kann dort weniger kaputt machen, dafür kommt sein Genie stärker zur Geltung. Prompt gelangen ihm in diesen drei Partien zwei Tore. Es war wohl genau das, was ein Straßenfußballer wie der Mann aus dem windigen Lille in Nordfrankreich gebraucht hat.

So ist dann ein Schuss Wahnsinn eben auch nicht mehr so schlimm, gehört bei solchen Charakterköpfen wie Bentaleb wohl einfach dazu. Sonst würde er „vermutlich nicht mehr bei uns auf Schalke spielen“, wie sein Sportdirektor weiß. Jetzt steht am morgigen Samstag erst einmal das Derby gegen Borussia Dortmund an. Bentalebs Genie wird da ausdrücklich erwünscht sein.