Wolfgang Meier im FT-Interview: „Es gibt viele schwarze Schafe“

Der Wintertransfermarkt ist eröffnet. Für die Klubverantwortlichen wie auch für die Berater beginnt damit wieder einmal die heiße Phase. Spielervermittler Wolfgang Meier erzählt im FT-Interview von Last Minute-Deals, schwarzen Schafen in der Branche und Betrug am Fan.

Wolfgang Meier sieht die Fußball-Branche durchaus kritisch
Wolfgang Meier sieht die Fußball-Branche durchaus kritisch ©Maxppp

FT: Der Wintertransfermarkt hat seine Pforten kürzlich geöffnet. Erwarten Sie einen ereignisreichen Januar?

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Wolfgang Meier: Jein. Es ist ja meistens im Januar so, dass sich relativ wenig tut. Dieses Jahr kommen noch zwei Sachen hinzu: Erstens natürlich Corona und zweitens, dass das Sommertransferfenster erst Anfang Oktober seine Pforten schloss. In erster Linie agieren Vereine nun nur, um kurzfristig nachzubessern, zumeist durch Leihen. In den letzten Jahren gab es in der Bundesliga im Januar um die 15 bis 20 Transfers. Das wird dieses Mal in etwa genauso sein. Da ich aber ebenfalls einiges im Ausland mache, ist es für mich aktuell definitiv ereignisreich.

Inwiefern erschwert die Corona-Krise Ihre Arbeit als Spielervermittler?

Man kann sich aktuell nicht so einfach mit Vereinen und Spielern treffen. Es findet also auch im Fußball ein Umdenken statt und vieles wird digital, beispielsweise über viele Videokonferenzen abgewickelt. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Trend sich auch in Zukunft in einer Zeit nach Corona fortsetzen wird.

Wie lange sind Sie schon in der Branche und was war Ihre Motivation für den Einstieg?

Ich habe vor fünf Jahren damit begonnen, am Anfang in Teilzeit, nach einem halben Jahr dann aber in Vollzeit. Der Hauptgrund, warum ich mit dem Job begonnen habe, war, weil ich gesehen habe, dass viele sogenannte Berater nicht wirklich beraten und sich um ihre Spieler kümmern, sondern nur Transfers abschließen und die schnelle Kohle kassieren. Deswegen müsste man die meisten als reine Vermittler bezeichnen. Vor allem bei ausländischen Spielern sah ich Bedarf, was die Integration in eine neue Kultur mit einer neuen Sprache betrifft. Dabei halfen mir meine vielfältigen Sprachkenntnisse. Eine gute Beratung alleine reicht aber nicht. Für viele Spieler ist es in erster Linie wichtig, dass man sie zu einem besseren Verein vermittelt und dass sie einen guten Vertrag bekommen. Die Beratung ist zweitrangig. Deswegen habe ich dann schnell gemerkt, dass vor allem ein gutes Netzwerk das A und O in der Branche ist.

Wie kommt der Kontakt zu den Spielern zustande?

Das ist unterschiedlich. Manche Spieler kenne ich schon persönlich, das ist dann natürlich einfach. Sollte ein neuer Spieler für uns interessant sein, dann ist mein Netzwerk aus Spielern und Partnern mittlerweile so ausgedehnt, dass ich innerhalb kürzester Zeit den Kontakt des Spielers oder seines Beraters bzw. des Vereins habe und die finanziellen Konditionen kenne.

Wie läuft ein typischer Deal mit Ihrer Beteiligung ab?

Verein X sagt mir, welches Profil sie suchen. Ich schaue in meinem Portfolio, welcher Spieler die Voraussetzungen erfüllt. Den entsprechenden Spieler biete ich an. Signalisiert der Verein, dass der Spieler interessant ist und will mehr Infos, informiere ich den Spieler bzw. seinen Berater oder in manchen Fällen auch gleich den abgebenden Verein und lasse mir eine Vollmacht für den interessierten Klub geben. Im besten Fall folgt dann ein Angebot des aufnehmenden Vereins für den abgebenden Verein und den Spieler. Das erste Angebot ist meist zu niedrig. Dann erfolgt ein Gegenangebot und das geht dann solange hin und her, bis man eine Einigung findet.

Geht es immer fair zu?

Leider nein. Es heißt ja, dass es viele schwarze Schafe unter den Beratern gibt. Ich gehe da sogar noch weiter und sage, dass es fast nur schwarze Schafe in der Branche gibt. Deswegen will ich mit den meisten Beratern nichts zu tun haben. Am Anfang dachte ich, dass ich mit allen und jedem kooperieren kann, da ich jemand bin, der jedem eine Chance gibt. Leider bin ich ein paar Mal auf die Schnauze gefallen, auch mit Beratern und Vereinen aus Deutschland. Mit der Zeit lernt man daraus und weiß, mit wem man zusammenarbeiten kann und mit wem nicht. Ich verhalte mich grundsätzlich fair, aber wenn man mich hinters Licht geführt hat, dann gibt es nun mal ein Echo zurück – egal wie groß der Name der Agentur ist.

Wie steht es um die Vereine?

Leider gibt es auch viele Vereinsfunktionäre, die sich nicht fair verhalten. Normalerweise sollte es diesen in erster Linie um den sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg eines Vereins gehen. Bei vielen Funktionären sehe ich aber, dass es ihnen eher darum geht, in die eigene Tasche zu wirtschaften. Natürlich können zwischen dem ein oder anderen Berater auf der einen Seite und einem Sportdirektor auf der anderen Seite über Jahre hinweg Freundschaften entstehen und wie in der freien Wirtschaft arbeitet mancher Einkäufer lieber mit einem speziellen Verkäufer zusammen, der sich dann auch mal gefällig zeigt. Wenn ein Verein über diesen speziellen Berater dann gute Transfers tätigt, dann lässt sich das nach außen hin und gegenüber den eigenen Fans noch gut verkaufen. Wenn es aber bei einem Transfer nicht um die Qualität eines Spielers sondern nur darum geht, wieviel ein Vereinsfunktionär vom Berater bekommt und der Spieler ein Flop ist, dann wird meiner Meinung nach der Fan verarscht.

Was war die verrückteste Story, die Sie auf dem Transfermarkt erlebt haben?

Das ist schwer, eine Geschichte herauszupicken, denn darüber könnte ich mittlerweile ein Buch schreiben. Mein erster Transfer war Artem Dovbyk von FK Dnipro aus der Ukraine zum FC Midtjylland aus Dänemark. Der Spieler war am 30.1. auf dem Weg nach Frankreich, wo er in Lens unterschreiben sollte. Am Abend teilt mir Midtjylland mit, dass sie ihren Stürmer Alexander Sörloth an Crystal Palace verkauft haben und noch schnell Ersatz brauchen. Artem wäre ihr Wunschspieler. Artem und sein Berater saßen am Flughafen in Paris und von dort aus haben wir dann den Transfer verhandelt. Letztendlich kam es zu einer Einigung. Leider hat sich Artem später schwer am Knie verletzt und konnte letztendlich nicht den gewünschten Erfolg bringen.

Zum Abschluss: Corona hält die Welt weiterhin in Atem. Glauben Sie, dass sich das Fußball-Geschäft nachhaltig verändern wird?

Wir wissen ja noch nicht, wie lange es mit Corona noch dauert. Aktuell sieht man schon, dass sich der Markt verändert hat, da nicht mehr so viel Geld im Umlauf ist. Sollte sich aber wieder ein Normalzustand im Alltag einpendeln, dann denke ich, dass auch das Fußballgeschäft wieder so sein wird wie es vorher war. Klar ist aber auch: Je länger es mit Corona dauert, desto bedrohlicher wird die Lage für viele Vereine.

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