FT: Sie sind (neben Oliver Kragl/Foggia) einer von zwei deutschen Spielern in der Serie B. Wie kam es zu diesem Schritt? Haben Sie einen besonderen Bezug zu Italien?

Tobias Pachonik: Mir ist auch aufgefallen, dass wirklich sehr, sehr wenige Deutsche hier spielen. Als ich im Sommer durch meinen Berater Ersin Akan, der viel international agiert, von der Möglichkeit erfahren habe, war ich davon begeistert. Ich komme ursprünglich aus dem Süden, aus Bayern, und war immer in Italien im Sommerurlaub. Und ja, das Land hat mir schon immer gut gefallen und deshalb war ich davon überzeugt.

Wie klappt es mit der Verständigung?

Das war am Anfang noch ein bisschen schwierig. Es war alles auf Englisch. Ich habe dann so schnell wie möglich versucht, Italienisch zu lernen, dass ich zumindest mal die Basics verstehe. Das hat dann auch ganz gut geklappt. Mittlerweile habe ich keine Probleme mehr. 95 Prozent verstehe ich und ansonsten frage ich einfach nach. Da wird es mir dann auch nochmal erklärt…

…und zur Not wechselt ihr auf Englisch.

Genau, es sprechen einige Spieler und ein paar Trainer Englisch, das funktioniert dann schon. Aber klar, grundsätzlich ist erst einmal alles auf Italienisch. Deshalb musste ich zügig versuchen, das zu lernen. Das war mit das Wichtigste, damit du dann auch Anschluss findest. Aber da haben sie es mir sowieso alle ganz einfach gemacht, nehmen sich Zeit, wenn ich mal auf dem Schlauch stehe und mir Wörter nicht einfallen.

Sehr herzlicher Empfang

Das heißt, privaten Anschluss haben Sie dann auch sofort gefunden?

Ja, auf alle Fälle. Wie gesagt, die Mitspieler nehmen sich wirklich viel Zeit. Italiener sind ein bisschen offener, das muss ich ehrlich sagen. Das ist mir sofort aufgefallen. Die laden dich auch mal zum Essen oder woanders hin ein. Etwas, das man in Deutschland auch findet, aber nicht so in der Häufigkeit. Darauf wird schon Wert gelegt und das kommt mir zugute.

Im Sommer haben Sie ein Probetraining in Paderborn absolviert, sich dann aber für Carpi entschieden. Paderborn hätte Sie gerne noch zu Ende gescoutet. Wie war das genau?

Ich war über eine Woche in Paderborn. Sie waren auch sehr zufrieden mit mir. Als ich dann aber die Möglichkeit hatte, nach Carpi zu gehen, habe ich nochmal nachgefragt, wie sie die Sache einschätzen. Man hat mir ein positives Feedback gegeben, aber man konnte mir nicht sagen, ob ein Vertrag zustande kommt oder nicht. Und deswegen habe ich gesagt: ‚Okay, die Möglichkeit in Carpi will ich nutzen und mich da zeigen.‘ Und es hat dann auch direkt geklappt.

Das heißt, die Gewissheit war Ihnen wichtig?

Gewissheit einerseits, andererseits aber auch, dass es eine Liga höher war. Es war mir klar, dass ich das probieren möchte. Für mich war Italien die richtige Entscheidung. Ich habe von Anfang an gespielt und konnte mich zeigen.

Keine Zweifel trotz Karriereknick

Sie stammen aus der Nürnberg-Jugend und sind dann über die Stuttgarter Kickers in der Schalker U23 gelandet. Gab es zwischendurch Zweifel daran, den Weg zum Profi zu schaffen?

Ich muss ehrlich sagen, Zweifel hatte ich nie. Dadurch, dass ich damals in Nürnberg Bundesliga und zweite Liga gespielt habe, wusste ich, dass ich das kann. Das war immer in mir und hat mich getrieben. Da kann man schon sagen, dass ich Blut geleckt habe. Ich habe immer gesagt: ‚Das kann es nicht gewesen sein.‘

Bis zur U20 haben Sie die deutschen Jugendnationalteams durchlaufen. Wo lag die Ursache für den Karriereknick?

Ich war vielleicht ein bisschen unerfahren früher. Ich habe meine Stärken nicht so genutzt, wie ich das hätte tun können oder müssen im Nachhinein. Ich hätte mich mehr in den Vordergrund spielen müssen.

Dann ist so ein kleiner Zwischenschritt ja vielleicht gar nicht das Schlechteste…

Ich muss schon sagen, wenn du dich von deinem Ziel wieder ein oder zwei Schritte entfernen musst, ist es in dem Moment schwierig. Man überlegt dann: ‚Was machst du denn falsch?‘ Aber im Nachhinein war es gut so. Ich konnte in der Phase, in der es nicht lief, auch einiges mitnehmen.

Stärken in der Athletik

Sie haben Ihre Stärken angesprochen. Wo würden Sie die in fußballerischer Hinsicht sehen?

Ich mache sehr viel über meine Athletik. Außerdem bin ich ein sehr schneller Spieler, obwohl ich 87 Kilo wiege. Darauf basiert mein Spiel. Das hilft mir auch defensiv. Mit meinem Gewicht kann ich nicht einfach abgedrängt werden. Ich achte sehr darauf, wie ich mich ernähre und was ich sonst noch dafür machen kann. Das kam aber auch erst mit der Zeit. Letztens erst noch habe ich mit einem guten Freund darüber gesprochen, dass ich mir früher auch mal abends um zehn Uhr noch ein Nutella-Brot geschmiert habe.

Trauen Sie sich mit Ihren 1,85 Meter auch Positionen im Zentrum zu? Innenverteidigung zum Beispiel.

Grundsätzlich will ich mich da gar nicht limitieren, das traue ich mir schon zu. Innenverteidiger habe ich auch schon hier in einem Testspiel gespielt. Das würde schon gehen, die körperlichen Voraussetzungen habe ich dafür auf jeden Fall. Ein bisschen wohler fühle ich mich dann aber doch noch auf den Außen.

Mit Carpi belegen Sie Rang zehn, haben aber wegen der Aufstiegsrunde (geht bis Platz acht) noch Chancen auf den Aufstieg. Ist das das ausgegebene Ziel?

Wir wollen erst einmal die 50 Punkte knacken. Die Liga ist extrem eng, das habe ich so auch noch nicht erlebt. Wenn du einmal gewinnst, machst du einen riesen Sprung. Verlierst du einmal, geht es wieder zwei, drei Plätze runter. Das ist wirklich Wahnsinn. Deshalb ist da schon einiges möglich, dafür brauchen wir aber noch mehr Konstanz.

Interessenten aus der Serie A

Ihr Vertrag läuft bis zum Saisonende. Per Option kann der Verein um zwei Jahre verlängern. Sehen Sie Ihre Zukunft bei Carpi?

Ich fühle mich auf jeden Fall sehr wohl, gebe Vollgas und dann wird man sehen, ob der Verein die Option zieht. Ich wäre nicht traurig, wenn sie es tun.

Einige Klubs aus der Serie A haben Sie nach den starken Auftritten mittlerweile auf dem Zettel. Wäre das eine Option, wenn der Aufstieg verpasst wird?

Mich freut das natürlich extrem, wenn ich sehe, aus welchem Loch ich da herausgekommen bin. Es gibt einem dann auch nochmal einen gewissen Extra-Kick. Mein Ziel ist es, so hoch wie möglich zu spielen. Da will jeder Fußballer hin, in die Bundesliga, Premier League, Serie A, La Liga. Wenn man diese Möglichkeiten hat, ist das natürlich traumhaft.

Traum von der Bundesliga

Und wie steht es mit einer Rückkehr nach Deutschland?

Die Bundesliga ist dadurch, dass ich da auch schon gespielt habe, natürlich ein Traum. Wann, wie oder ob das möglich sein wird, das sei mal dahingestellt. Das muss nicht im Sommer und auch nicht in den nächsten fünf Jahren sein. Klar, Deutschland bleibt meine Heimat. Ich besuche immer gerne meine Familie. Deutsches Essen tut ab und zu auch mal gut, wobei ich mich mich über das Essen hier wirklich nicht beschweren kann. Aber es fehlt dann schon mal so etwas wie Kraut, Kartoffeln oder Nürnberger Rostbratwürste. Es ist aber nicht so, dass ich im Sommer direkt wieder nach Deutschland muss.

Abschließende Frage: Welcher ist Ihr deutscher Lieblingsverein? Und wie sehen Sie die Chancen, dort eines Tages aufzulaufen?

Da muss ich jetzt sagen, mein Lieblingsverein als Kind war Bayern München. Wenn man in Bayern groß geworden ist, im Allgäu, gab es eigentlich nur Bayern. Gut, die Chancen, dort zu spielen, sind relativ gering (lacht). Da muss ich realistisch sein. Ansonsten gefällt mir Borussia Dortmund, so wie sie spielen. Gladbach spielt super Fußball. Und: Ich habe einen Großteil meiner Kindheit in Nürnberg verbracht, war fünf Jahre dort. Das hängt auch noch an einem.