Es ist die 36. Minute des DFB-Pokalspiels zwischem dem 1. FC Köln und der TSG Hoffenheim. 0:1 liegen die Hausherren zurück. Torchancen waren bisher Mangelware und auch jetzt liegt der Ball ruhig auf dem Rasen des Kölner Rhein-Energie-Stadions. Gerade hat Schiedsrichter Marco Fritz auf Freistoß für den Effzeh entschieden. Gefährlich wird dieser aber wohl nicht. So weit liegt der Ball vom Hoffenheimer Tor entfernt, dass Keeper Oliver Baumann nur eine Ein-Mann-Mauer aufstellt. Dann tippt Matthias Lehmann den Ball an und Marcel Risse nimmt sich ein Herz. Eine gute Sekunde dauert es, ehe der Ball unhaltbar im rechten Winkel einschlägt. Köln gleicht aus, das Stadion tobt.

Es ist eines dieser wenigen Male, bei denen es laut um Risse wird. Die Schlagzeilen in und um Köln gehören momentan vor allem Anthony Modeste. Kein Wunder: Der Franzose ist mit elf Saisontoren und deutlichem Abstand vor Robert Lewandowski und Pierre-Emerick Aubameyang Toptorjäger der Bundesliga. Am Sonntag erzielte Modeste zudem den ersten Bundesliga-Hattrick der Vereinsgeschichte seit 1997.

Der zurückhaltende 100-Prozent-Profi

Dabei lesen sich Risses persönliche Statistiken nicht minder beeindruckend. Mit drei Toren und fünf Vorlagen in elf Pflichtspielen ist der 26-Jährige hinter Modeste der zweitbeste Scorer der Geißböcke. Keine einzige Minute hat er bisher verpasst. Egal ob als Rechtsaußen oder als Rechtsverteidiger in der Fünferkette: Risse ist immer gefragt. Dennoch steht er nur selten im Mittelpunkt, was ihm offenbar auch ganz recht ist. „Marcel ist ein echter Kölscher Jung, dafür eher untypisch etwas zurückhaltend und deswegen vielleicht auch nicht so präsent, wie man das spielen könnte, wenn man es wollte“, ließ Trainer Peter Stöger zuletzt durchblicken.

Risse ist ein Typ der leisen Töne, der dem Geschäft Profifußball mit einer gesunden Portion selbstironischer Distanz begegnet. Auf die Frage, warum Scouts von Bayer Leverkusen im Kindesalter auf ihn aufmerksam wurden, antwortete er einst: „Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Ich habe mir sogar mal ein paar Videos aus der Zeit angeschaut, wie man da besonderes Talent entdecken konnte, bleibt mir schleierhaft.“

Auch knapp 20 Jahre später ist Risse nicht das, was man einen Filigrantechniker nennt. Mit seiner Dynamik, zielstrebigen offensiven Spielweise und Biss im Zweikampf ist er dennoch für die Kölner unverzichtbar. „Er ist für uns ein Spieler, der ein Fixposten ist. Egal auf welcher Position. Er ist vielseitig. Er ist ein 100-Prozent-Profi, der weiß, wie er sich zu benehmen hat – und der richtig gut kicken kann“, schwärmt Stöger.

Formkurve zeigt Richtung DFB

Vor allem im Vergleich zur vergangenen Saison hat sich Risse noch einmal deutlich gesteigert. Schon 2015/2016 war der 26-Jährige unumstrittener Stammspieler und Leistungsträger beim Effzeh. Nun ist er auf dem besten Weg, schon vor der Winterpause seine zehn Torbeteiligungen aus der Vorsaison zu übertreffen. Auch Stöger weiß um die steile Entwicklung seines Außenbahnspielers: „Seit ich mit Marcel Risse arbeiten darf, hat er seine Entwicklung unheimlich vorangetrieben. Er war vorher schon ein starker Spieler.

Falls Risse seine Form über einen längeren Zeitraum bestätigen kann, ist es denkbar, dass sich auch Bundestrainer Joachim Löw mal bei ihm meldet. Zwar konnte die DFB-Elf ihre klaffende Lücke auf der rechten Abwehrseite mit Joshua Kimmich flicken, doch ist der 21-Jährige in der Nationalmannschaft so wie beim FC Bayern mittelfristig eher im Mittelfeld eingeplant. Gute Außenverteidiger stehen bei Löw also nach wie vor hoch im Kurs, was Risse in die Karten spielt. Sollte der 26-Jährige den Sprung auf die internationale Bühne schaffen, würde es öfter laut um ihn werden – ob er es nun will oder nicht.