Kommentar FT-Kurve Bundesliga

Leipzig hat den BVB abgelöst

Borussia Dortmund steckt derzeit in tiefen Winter-Depressionen. Kein Neuzugang, schwer zu ertragender Sicherheitsfußball und aufregende Talente sucht man im Signal Iduna Park vergeblich. Diese heuern derzeit vor allem bei RB Leipzig an – und das könnte auf absehbare Zeit so bleiben.

von Martin Schmitz
4 min.
Löst RBL den BVB ab? @Maxppp

Den FC Bayern musste Borussia Dortmund national im vergangenen Jahrzehnt meist mit dem Fernglas suchen. Immerhin konnte die europaweit geachtete ‚Talentschmiede BVB‘ den Rekordmeister aber immer mal wieder ärgern, Erfolge in Pokalwettbewerben erringen und sich als klare Nummer zwei im deutschen Fußball etablieren.

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Doch die Zeit der begeisternden Flügelspieler und vor Kampfeswillen strotzenden Youngsters im Schwarz-Gelben Trikot ist vorbei. Die aktuelle Realität sieht anders aus. Unter Trainer Niko Kovac spielt der BVB gemessen an der Punktausbeute eine durchaus beachtliche Saison, doch die spielerischen Merkmale, die Werte und das Standing der vergangenen Jahre sind mittlerweile völlig verschwunden.

Statt mitreißendem Offensivfußball mit aufregenden Talenten erlebt der Dortmund-Fan auf der Tribüne Sicherheitsfußball mit spielerischer Magerkost – und selbst mit viel Phantasie ist im gegenwärtigen Kader des Klubs kein Profi zu erkennen, dem man eine Karriere á la Erling Haaland, Jude Bellingham oder Ousmane Dembélé zutrauen würde. Gutverdienende Altstars gibt es dagegen genug. Die Anhänger befürchten eine schleichende ‚Wolfsburgisierung‘ des BVB.

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Erst Frankfurt und nun Leipzig

Der Kader verlor in den vergangenen Transferphasen Mal für Mal an finanzieller Substanz. Nicht umsonst will der Verein nun hart gegenlenken und zurück zu den Wurzeln. Doch die Erkenntnis kommt vielleicht zu spät.

Während bereits Eintracht Frankfurt den Dortmundern in den vergangenen Jahren im Scouting und Talentbereich etwas den Rang abgelaufen hat und mit dem Handel von Spielern riesige Transfergewinne gemacht hat, droht die eigentliche Gefahr aus dem Osten. Dort hat RB Leipzig ebenfalls den großen Turnaround ausgerufen – und dieser läuft bereits auf Hochtouren.

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Die Sachsen sind den Westfalen deutlich voraus. Auch RB hatte den eigenen Markenkern etwas verloren. Im vergangenen Sommer dann der Totalumbruch: Teure, satte (aber noch immer junge) Stars wurden mit großen Gewinnen verkauft, mit Ole Werner kam ein neuer Coach. Ähnlich wie Kovac in Dortmund schien der knorrige Norddeutsche eigentlich nicht zum Klub und dem geplanten Talent-Konzept zu passen. Doch der 37-Jährige überraschte alle.

Blamabler Transfer-Winter der Dortmunder

Mit einem nahezu komplett runderneuerten Kader und wenigen alten Stützen lässt Werner teilweise mitreißenden Offensivfußball spielen. Die Grundlage: Leipzig schaffte es, sich nahezu alle heiß umworbenen Talente zu sichern, an denen andere Bundesligaklubs – auch der BVB – interessiert waren.

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Während Dortmund knapp 93 Millionen Euro für Jobe Bellingham (19), Fábio Silva (23), Yan Couto (23) und Carney Chukwuemeka (21) auf den Tisch legte, die allesamt bisher eher wenig überzeugen konnten, zahlte RB gute 112 Millionen und bekam das Sextett aus Conrad Harder (20), Rômulo (23), Yan Diomande (19), Johan Bakayoko (22), Ezechiel Banzuzi (20) und Andrija Maksimovic (18). Allein Diomande gilt bereits als kommender 100-Millionen-Abgang und erobert die Liga im Sturm.

Leipzig nimmt dem BVB auch die Kernkompetenz

Während sich Dortmund im Wintertransferfenster händeringend um Verstärkungen bemühte, sich in der Causo Aarón Anselmino (20) überaus naiv zeigte und am Ende keinen einzigen Spieler verpflichten konnte, legte Leipzig noch einmal nach. Erneut fanden drei junge, offensive Flügelspieler den Weg in die Messestadt.

Während Suleman Sani (19) und Ayodele Thomas (18), bei dem Leipzig unter anderem Frankfurt und Bayer Leverkusen ausstach, für die Zukunft aufgebaut werden sollen, wurde auch U21-Nationalspieler Brajan Gruda (21) – zunächst zur Leihe – verpflichtet. Ein echter Coup. Alle drei eint, dass es Transfers sind, die in früheren Jahren gut vorstellbare BVB-Transfers gewesen wären.

Dortmund hatte sich auf Leihen aus England spezialisiert und reihenweise Treffer gelandet. Zudem schien der Klub einen Top-Flügelspieler nach dem anderen zu formen. Außer Dembéle könnten hier noch Jadon Sancho (25), Christian Pulisic (27), Jamie Gittens (20) und andere genannt werden.

Düsterer Blick in die Zukunft

Im aktuellen System Kovac existiert diese Position nicht mehr. Auch diese Entscheidung soll im Sommer revidiert werden. Ein Sommer, der entscheidend ist für die zukünftige Entwicklung des BVB.

Dieser bangt nach wie vor darum, dass Nico Schlotterbeck (26) – immerhin Anführer, Abwehrchef und Mentalitätsmonster in Personalunion – den Klub im Sommer verlassen könnte. RB hingegen hat in diesem Winter mit Abdoul Koné (20) von Stade Reims ganz unaufgeregt den erklärten Nachfolger für Willi Orbán (34) an Land gezogen und so bereits vorgesorgt.

Selbst wenn nicht alle Transfers einschlagen, befindet sich Leipzig auf einem guten Weg und zielt klar darauf ab, sich den Platz als Nummer zwei in Deutschland zu erobern und – bei Gelegenheit auf den ganz großen Wurf zu schielen. Die Stimmung beim BVB – ob berechtigt oder nicht – könnte aktuell dagegen mit Blick auf die Zukunft kaum schlechter sein. Und das, obwohl man in der Tabelle drei Plätze vor Leipzig steht.

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